Wie groß das Ausmaß der Benachteiligungen und Einschränkungen im Beruf nun wirklich ist, ist nicht eindeutig in Zahlen erfassbar. Laut Prof. Dr. med. Jan G. Hengstler, dem wissenschaftlichen Direktor am Leibniz Institut für Arbeitsforschung (IfADo), sind Linkshänder*innen im Arbeitsleben nicht grundsätzlich benachteiligt. Viele kommen gut im Arbeitsalltag zurecht. Allerdings entstehen Probleme, wenn Arbeitsbedingungen und -mittel wie Werkzeuge und Maschinen nicht auf die Linkshändigkeit angepasst werden können. Einerseits erfordert dies einen höheren kognitiven Aufwand, da sich Linkshänder an die nicht auf ihre Händigkeit ausgelegten Gegebenheiten anpassen müssen. Andererseits gibt es körperliche Einschränkungen, wie geringe Bewegungssicherheit und -genauigkeit. Es können Fehlbelastungen des Hand-Arm-Systems auftreten, wenn Vorrichtungen nur auf Rechtshänder ausgelegt sind und Linkshänder die nicht-dominante Hand benutzen müssen.
Ein erhöhtes Arbeitsunfallrisko lasse sich aber nicht eindeutig belegen, erklärt Hengstler: „Eine sehr aktuelle Studie mit mehr als 4000 Beschäftigten hat keinen statistisch signifikanten Anstieg von Arbeitsunfällen bei Linkshändern festgestellt; die oft pauschale Aussage, Linkshänder hätten bei der Arbeit ein höheres Unfallrisiko, lässt sich daher so nicht halten.“
Beispiele für Einschränkungen im Arbeitsalltag von linkshändigen Menschen kann auch Dr. Barbara Sattler zu Genüge nennen. Die Psychotherapeutin ist die Gründerin der „Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder“: „In Symphonieorchestern sind Linkshänder zum Beispiel diskriminiert, wenn sie sich nicht auf rechtshändiges Spielen umschulen lassen. Sie werden einfach nicht angenommen, selbst wenn sie genauso oder besser sind.“
Zudem beschreibt sie Einschränkungen im medizinischen Bereich, beispielsweise bei Ultraschallgeräten in Gemeinschaftspraxen, wo die Apparaturen oft so platziert seien, dass mit der rechten Hand gearbeitet werden müsse. Diese Probleme gebe es in vielen Arztpraxen.
Einschränkungen zur freien Benutzung der dominanten linken Hand machen vor keiner Branche halt: In nahezu jedem Arbeitsgebiet führt die Ausrichtung auf Rechtshändigkeit zu Nachteilen für Linkshänder*innen. André Klußmann, Professor für Arbeitswissenschaft an der HAW Hamburg verdeutlicht dies: „Je stärker ein Arbeitsplatz asymmetrisch, feinmotorisch anspruchsvoll und ausschließlich auf Rechtshändige ausgerichtet ist, desto wahrscheinlicher sind Nachteile für linkshändige Beschäftigte.“
Barbara Sattler hat weitere Beispiele parat, etwa die Arbeit in Laboren, wo Proben entnommen und in Vorrichtungen wie Wärmeschränke einsortiert werden müssen: Auch hier seien die meisten Arbeitsplätze nicht auf Linkshändigkeit ausgerichtet, was die Arbeit erschweren könne.