Arbeits- und Gesundheitsschutz

Nicht falsch, sondern anders: Mit links im Arbeitsleben

Werkzeuge, Maschinen, Schreibplätze oder Computerarbeitsplätze – vieles im Arbeitsalltag ist ganz selbstverständlich auf Rechtshändigkeit ausgerichtet. Für Linkshänder*innen entstehen dadurch Barrieren und körperliche Belastungen.

Am 13. August 2026 findet weltweit zum 51. Mal der alljährliche „Internationale Linkshändertag“ statt, an dem auf Interessen und Einschränkungen bei Linkshändigkeit aufmerksam gemacht werden soll. In Deutschland beträgt der Anteil von Linkshänderinnen und Linkshändern an der Gesamtbevölkerung rund zehn Prozent. Je nach Definition und Erhebungsmethode kann dieser Wert jedoch auch höher ausfallen: Manche Forschende gehen sogar von einem Anteil von bis zu 50 Prozent aus.

Linkshändigkeit - eine Benachteiligung?

Wie groß das Ausmaß der Benachteiligungen und Einschränkungen im Beruf nun wirklich ist, ist nicht eindeutig in Zahlen erfassbar. Laut Prof. Dr. med. Jan G. Hengstler, dem wissenschaftlichen Direktor am Leibniz Institut für Arbeitsforschung (IfADo), sind Linkshänder*innen im Arbeitsleben nicht grundsätzlich benachteiligt. Viele kommen gut im Arbeitsalltag zurecht. Allerdings entstehen Probleme, wenn Arbeitsbedingungen und -mittel wie Werkzeuge und Maschinen nicht auf die Linkshändigkeit angepasst werden können. Einerseits erfordert dies einen höheren kognitiven Aufwand, da sich Linkshänder an die nicht auf ihre Händigkeit ausgelegten Gegebenheiten anpassen müssen. Andererseits gibt es körperliche Einschränkungen, wie geringe Bewegungssicherheit und -genauigkeit. Es können Fehlbelastungen des Hand-Arm-Systems auftreten, wenn Vorrichtungen nur auf Rechtshänder ausgelegt sind und Linkshänder die nicht-dominante Hand benutzen müssen.

Ein erhöhtes Arbeitsunfallrisko lasse sich aber nicht eindeutig belegen, erklärt Hengstler: „Eine sehr aktuelle Studie mit mehr als 4000 Beschäftigten hat keinen statistisch signifikanten Anstieg von Arbeitsunfällen bei Linkshändern festgestellt; die oft pauschale Aussage, Linkshänder hätten bei der Arbeit ein höheres Unfallrisiko, lässt sich daher so nicht halten.“

Beispiele für Einschränkungen im Arbeitsalltag von linkshändigen Menschen kann auch Dr. Barbara Sattler zu Genüge nennen. Die Psychotherapeutin ist die Gründerin der „Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder“: „In Symphonieorchestern sind Linkshänder zum Beispiel diskriminiert, wenn sie sich nicht auf rechtshändiges Spielen umschulen lassen. Sie werden einfach nicht angenommen, selbst wenn sie genauso oder besser sind.“  

Zudem beschreibt sie Einschränkungen im medizinischen Bereich, beispielsweise bei Ultraschallgeräten in Gemeinschaftspraxen, wo die Apparaturen oft so platziert seien, dass mit der rechten Hand gearbeitet werden müsse. Diese Probleme gebe es in vielen Arztpraxen.  

Einschränkungen zur freien Benutzung der dominanten linken Hand machen vor keiner Branche halt: In nahezu jedem Arbeitsgebiet führt die Ausrichtung auf Rechtshändigkeit zu Nachteilen für Linkshänder*innen. André Klußmann, Professor für Arbeitswissenschaft an der HAW Hamburg verdeutlicht dies: „Je stärker ein Arbeitsplatz asymmetrisch, feinmotorisch anspruchsvoll und ausschließlich auf Rechtshändige ausgerichtet ist, desto wahrscheinlicher sind Nachteile für linkshändige Beschäftigte.“  

Barbara Sattler hat weitere Beispiele parat, etwa die Arbeit in Laboren, wo Proben entnommen und in Vorrichtungen wie Wärmeschränke einsortiert werden müssen: Auch hier seien die meisten Arbeitsplätze nicht auf Linkshändigkeit ausgerichtet, was die Arbeit erschweren könne.

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Der Betriebsrat kann helfen

Um die Arbeitsbedingungen für betroffene Linkshänder*innen zu verbessern, können auch Betriebsräte eine wichtige Rolle spielen. Nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG besteht eine zwingende Mitbestimmung beim Arbeits- und Gesundheitsschutz. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung sollte bei Arbeitsplatzbegehungen auf eine linkshändig-freundliche Arbeitsplatzgestaltung geachtet werden, die ergonomisch sinnvoll ist. Ansonsten sollten sich Betriebsräte für linkshändige Alternativen und entsprechende Einstellmöglichkeiten einsetzen.

Die Berücksichtigung der Linkshändigkeit als fester Bestandteil der Arbeitsabläufe sollte am besten bereits mit dem Beginn der Ausbildung im Betrieb Berücksichtigung finden. Wenn keine passenden Arbeitsbedingungen geschaffen werden, erschwere dies laut Barbara Sattler die Lernprozesse der Auszubildenden. Dazu findet die Psychotherapeutin klare Worte: „Es fehlt Arbeits- und Ausbildungsmaterial. Um zum Beispiel einen richtigen Verband anzulegen, braucht man eine gewisse Technik. In Büchern finden sich nur Erklärungen für Rechtshänder. Von Linkshändern wird erwartet, sich daran anzupassen und das umzudenken.“ Die daraus resultierenden Probleme führten oft zu negativen Rückmeldungen und daraus folgender Frustration der Auszubildenden.

Was muss sich ändern?

Um diese Probleme in Zukunft zu verringern, sind laut Klußmann „händigkeitsneutrale oder individuell anpassbare Arbeitsplatzgestaltung, Werkzeuge und Bedienfelder“ besonders entscheidend. Man brauche eine größere Flexibilität, damit Linkshänder vor allem feinmotorisch anspruchsvolle Tätigkeiten mit ihrer dominanten Hand ausführen können. Weitere Hürden benennt Arzt Jan Hengstler: Häufig seien diese Anpassungen mit recht geringem Aufwand umzusetzen: Scheren zum Beispiel seien auf Rechtshänder*innen angepasst und daher so für Linkshänder*innen nicht nutzbar. Ähnlich sei es bei anderen ergonomisch geformten Geräten. Sicherheitstechnisch seien vor allem auch Maschinen und Vorrichtungen mit einseitiger Bedienung anzupassen: Wenn Notknöpfe sich auf der für die Linkshänder*innen schwer zu erreichenden Seite befänden, seien flexible Anpassungsmöglichkeiten der Geräte besonders relevant. Auch für solche Probleme sei die konkrete Gefährdungsbeurteilung heranzuziehen.  

Zudem bezeichnet Hengstler die Überprüfung der Eignung für Linkshänder*innen als eine Art „Ergonomie-Test“ für Betriebe: „Wenn ein Arbeitsmittel nur mit der rechten Hand wirklich bequem, sicher und intuitiv zu bedienen ist, zeigt sich daran, dass die Gestaltung noch stärker an die Beschäftigten angepasst werden müsste. In diesem Sinne kann die Perspektive von Linkshändern sogar dabei helfen, Arbeitsplätze insgesamt flexibler und ergonomischer zu gestalten – und davon profitieren am Ende nicht nur Linkshänder.“

Abschließend spricht sich Dr. Barbara Sattler für ein besseres allgemeines Bewusstsein für Linkshändigkeit aus. Bereits in Kindergärten und Schulen müsse umfassender angesetzt werden, um Ungleichheit möglichst früh aus dem Weg zu räumen und ein Bewusstsein für die Bedürfnisse linkshändiger Kinder zu schaffen. So könnte es von klein an zu einer Chancengleichheit linkshändiger Menschen in unserer Gesellschaft kommen und diskriminierende Anordnungen und pädagogische Interventionen verhindert werden. Allerdings plädiert Sattler auch an Linkshänder*innen: „Sie sind zurückhaltend. Sie passen sich häufig an und wollen nicht auffallen und wehren sich bei benachteiligenden Einrichtungen auch nicht." Die Folge: Linkshändigkeit werde von Rechtshänder*innen oft überhaupt nicht als Problem wahrgenommen, so Sattler, „da ja die linkshändigen Menschen nicht dafür einstehen“.

Lesetipp der Redaktion

Eine Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) hat unter der Leitung von Barbara Sattler und André Klußmann eine Leitlinie zur Händigkeit veröffentlicht. Diese ist inhaltlich noch korrekt, wird zurzeit aber aktualisiert. Die aktualisierte Fassung wird voraussichtlich Ende 2026 erscheinen. Hierin werden alle wichtigen Tipps und Maßnahmen erklärt und aufgeführt. 

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