Arbeits- und Gesundheitsschutz

Perfektionismus im Job? Kein Privatproblem

Immer mehr junge Menschen stellen überhöhte Ansprüche an sich selbst – das zeigt eine Auswertung von 35 Jahren Forschungsdaten. Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit und KI können den Druck im Job zusätzlich verstärken. Wie Perfektionismus entsteht und welche Möglichkeiten der Betriebsrat hat, psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung anzugehen.

Mehr Perfektionismus unter Studierenden

Dass das Thema Perfektionismus aktuell stark an Bedeutung gewinnt, zeigt eine Meta-Analyse von Dr. Thomas Curran (London School of Economics) und Kolleg*innen, erschienen in der Fachzeitschrift Psychological Bulletin. Das Team wertete 307 Studien mit mehr als 82.000 Studierenden aus Großbritannien, den USA und Kanada aus, die zwischen 1989 und 2024 erhoben wurden. Ergebnis: Perfektionismus nimmt seit 35 Jahren stetig zu, einige seiner schädlichsten Formen sogar beschleunigt seit den frühen 2000er-Jahren.

Am stärksten gestiegen ist der sogenannte sozial vorgeschriebene Perfektionismus – das Gefühl, dass andere einen perfekt sehen wollen. Curran führt das auf wirtschaftliche Unsicherheit, wachsende Konkurrenz, ein stark notenorientiertes Bildungssystem und soziale Medien zurück. 

Die Studie untersuchte Studierende im angelsächsischen Raum, nicht Beschäftigte in Deutschland. Ihre Ergebnisse lassen sich deshalb nicht eins zu eins übertragen. Sie werfen aber eine Frage auf, die Betriebsräte betrifft: Was passiert, wenn diese Generation in den Beruf startet? Wir haben zwei Expert*Innen gefragt, wo gesunder Ehrgeiz aufhört und Perfektionismus beginnt. 

ThomasRigotti
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Perfektionismus vs. Ehrgeiz: Wo liegt der Unterschied?

Hohe Ansprüche an die eigene Arbeit sind zunächst nichts Schlechtes. Problematisch wird es, wenn aus Ehrgeiz Perfektionismus wird. Dr. Nathalie Claus, Psychologische Psychotherapeutin an der Universität Bremen, erklärt den Unterschied am Beispiel Hochsprung: Wer realistisch ehrgeizig sei, setze sich hohe, aber erreichbare Ziele – etwa eine Medaille im Wettkampf. Misserfolge seien ärgerlich, hätten aber keine Folgen für den Selbstwert.

Perfektionismus dagegen bedeute, unerreichbare Ziele anzustreben. „Konkret bedeutet das bei unserem Beispiel zum Hochsprung: Ich darf in meinem Training bis zum Hochsprung-Wettbewerb kein einziges Mal die Latte reißen“, sagt Claus. Häufig gehe das mit Angst vor Fehlern einher. Betroffene mieden Herausforderungen entweder ganz – oder stellten sich ihnen, obwohl sie ihren eigenen Standards kaum gerecht werden könnten.

Prof. Dr. Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sieht das entscheidende Merkmal in der fehlenden Flexibilität: Werde jede kleine Abweichung vom selbst gesetzten Ideal als Fehler gewertet, könne man von ungesundem Perfektionismus sprechen.

Es gibt keine gesunde, produktive oder hilfreiche Form von Perfektionismus.

Dr. Nathalie Claus

Macht Perfektionismus krank?

Claus sieht Perfektionismus grundsätzlich kritisch: „Es gibt keine gesunde, produktive oder hilfreiche Form von Perfektionismus. Er steht in Verbindung mit einem breiten Spektrum von psychischen Störungen: Depression, Angststörungen, Essstörungen, Zwangsstörung und Suizidgedanken.“

In der Forschung ist diese Einschätzung nicht unumstritten. Viele Fachleute unterscheiden zwischen perfektionistischem Streben und perfektionistischen Sorgen – als belastend gelten vor allem die Sorgen. Belegt ist bislang ein Zusammenhang: Menschen mit ausgeprägtem Perfektionismus haben häufiger solche Symptome. Ob Perfektionismus sie verursacht, ist offen.

Berufseinstieg unter Bewertungsdruck

Zurück zur Studie. Was passiert denn nun, wenn diese „Generation Perfekt“ in den Beruf startet?

Perfektionistische Tendenzen verschwinden laut Rigotti nicht mit dem Berufseinstieg, sie werden in den Arbeitsalltag mitgenommen. Der Wissenschaftler hält es aber für plausibel, dass Probezeiten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, häufige Bewertungen und unklare Erwartungen perfektionistische Tendenzen verstärken. Arbeitsbedingungen können also beeinflussen, wie stark sie sich entwickeln.

Entlasten könnten nach seiner Einschätzung ein strukturiertes Onboarding, realistische Erwartungen und regelmäßiges Feedback durch Kolleg*innen und Führungskräfte.

Wäre ich mit einer Freundin in derselben Lage genauso streng?

Thomas Rigotti, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologe

Mobile Arbeit: Wenn das Stoppsignal fehlt

Mobile Arbeit muss Perfektionismus nicht unbedingt befeuern, mehr Autonomie, weniger Unterbrechungen und eine selbstbestimmte Arbeitsumgebung können sogar entlasten. Entgrenzte Arbeitszeiten und ständige Erreichbarkeit können aber dazu führen, dass perfektionistisch veranlagten Menschen äußere Stoppsignale fehlen: Niemand verlässt am Abend das Büro, und die Arbeit lässt sich theoretisch immer weiter perfektionieren. Nicht der Arbeitsort sei das Problem, betont Rigotti, sondern die ständige Erreichbarkeit und die Überstunden, die daraus entstehen.

Was Betroffene selbst tun können

KI am Arbeitsplatz: Entlastung mit Nebenwirkungen

KI kann entlasten, etwa indem sie Entwürfe erstellt. Für perfektionistisch veranlagte Menschen sieht Rigotti aber auch Risiken: „Wenn KI sehr schnell Ergebnisse produziert, können Erwartungen an Tempo und Umfang steigen. Außerdem entstehen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Texte oder Analysen erneut zu optimieren. Betroffene können in eine Schleife aus Produzieren, Prüfen und Verbessern geraten oder sich gegenüber der scheinbar fehlerlosen Maschine als unzulänglich erleben.“ Die Wechselwirkungen seien allerdings noch kaum untersucht.

Fördern starre Hierarchien Perfektionismus?

Auf die Frage, ob Hierarchien Perfektionismus verstärken, gibt es laut Rigotti keine eindeutige Antwort. Es komme vielmehr darauf an, wie mit Macht, Kontrolle und Bewertung umgegangen wird: „Starre Hierarchien können Perfektionsdruck begünstigen, wenn Entscheidungen nicht hinterfragt werden dürfen, Fehler sanktioniert werden und Vorgesetzte sehr eng kontrollieren.“ Aber auch flache Hierarchien sind kein Selbstläufer: Werden Erwartungen kaum ausgesprochen und trägt jede*r allein Verantwortung, vergleichen sich Beschäftigte stärker miteinander – auch das kann perfektionistische Tendenzen verstärken.

Kein persönliches Problem

„Perfektionismus darf nicht als persönliches Problem behandelt werden“, sagt Rigotti. Zeitdruck, abwertende Kritik und überhöhte Erwartungen verstärkten perfektionistische Tendenzen. Es gehe darum, dass der Arbeitgeber Bedingungen schaffe, unter denen Perfektionismus nicht zum Problem werde.

Genau hier setzt der Arbeitsschutz an. Nach § 5 Abs. 1 und Abs. 3 Nr. 6 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) muss der Arbeitgeber die mit der Arbeit verbundenen Gefährdungen beurteilen und dabei auch psychische Belastungen bei der Arbeit berücksichtigen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die Persönlichkeitsmerkmale der Beschäftigten, sondern die Arbeitsbedingungen und mögliche Gefährdungen für ihre Gesundheit.

Gefährdungsbeurteilung als Hebel für Betriebsräte

Autorin des Artikels

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Eva Seip

Eva Seip studiert Sprach- und Medienwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und arbeitet als Werkstudentin in der AiB-Redaktion. Ihr Interesse gilt vor allem Themen an der Schnittstelle von Kommunikation, Sprache und gesellschaftlichem Wandel.

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