„Sisu" oder die Kunst des Durchhaltens
Durchhaltevermögen gilt als Stärke. Doch wer trotz Erschöpfung, Schmerzen oder dauerhaftem Stress weitermacht, riskiert seine seelische und körperliche Gesundheit.
Durchhaltevermögen gilt als Stärke. Doch wer trotz Erschöpfung, Schmerzen oder dauerhaftem Stress weitermacht, riskiert seine seelische und körperliche Gesundheit.

Der 18. August ist der weltweite „Never-give-up-day“. Er soll motivieren, auch in schweren Zeiten durchzuhalten und nicht aufzugeben. Doch Durchhaltevermögen ist nicht immer ausschließlcih positiv zu bewerten. Psychologinnen und Psychologen verweisen vermehrt auf negative Auswirkungen von zu starrem Durchhalten.
Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Thomas Rigotti von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erklärt gegenüber aib-web.de, ab wann sich die Kehrseite des Durchhaltevermögens bemerkbar macht. Er betont, dass Durchhaltevermögen im Job eine wichtige Ressource sein kann: Um längerfristige Ziele zu verfolgen oder Schwierigkeiten durchzustehen, sei ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen eine wichtige Voraussetzung.
Einen genauen Zeitpunkt, ab wann sich zu stark ausgeprägtes Durchhaltevermögen ins Negative wandele, gäbe es nicht. Aber: „Problematisch wird Durchhalten, wenn es starr oder zwanghaft wird, also wenn Beschäftigte trotz anhaltender Erschöpfung weitermachen, nicht mehr abschalten können oder an kaum noch erreichbaren Zielen festhalten. Die Forschung zeigt, dass eine solche übermäßige Bindung an die Arbeit mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden ist, ohne zwangsläufig zu besserer Leistung zu führen.“
Verhalten, das die gesundheitsförderliche Grenze überschreitet, kann in Workaholism, also einer Arbeitssucht münden, bei der Betroffene überdurchschnittlich viel arbeiten. Anzeichen wie zunehmende Müdigkeit, Schlafprobleme, Gereiztheit und Konzentrationsfehler treten dann vermehrt auf. Dazu kommt der Verlust von Freude an der Arbeit, und Betroffene können in ihrer Freizeit nicht abschalten. Sie verspüren dauerhaft das Gefühl weiterarbeiten zu müssen oder denken ununterbrochen an ihre Arbeit. Ein weiteres Warnsignal: Es ist immer mehr Einsatz für die Arbeit erforderlich, relevante Fortschritte bleiben aber aus.
Für ein gesundes Ausmaß an Durchhaltevermögen sollten laut Rigotti regelmäßig Zwischenbilanzen gezogen werden. Wichtige Fragen hierbei: „Ist das Ziel noch erreichbar und wichtig? Stehen Aufwand und Ergebnis noch in einem angemessenen Verhältnis? Welche Anforderungen oder Rahmenbedingungen müssten verändert werden?“
Positive Effekte haben außerdem verbindliche Erholungszeiten sowie klare Abbruch- und Priorisierungsregeln. Außerdem kann ein frühzeitiges Gespräch mit der Führungskraft und dem Team helfen. Zudem sei es wichtig, nicht zu starr an allen Zielen festzuhalten: „Manchmal ist es gerade ein Zeichen guter Selbstregulation, ein Ziel anzupassen oder aufzugeben und die eigenen Ressourcen auf ein realistischeres Ziel zu richten“, erklärt Psychologe Rigotti. „Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt, dass die Fähigkeit, sich von unerreichbaren Zielen zu lösen und sich neuen Zielen zuzuwenden, mit einem besseren Wohlbefinden verbunden ist.“
Während es im finnischen sogar das Wort „Sisu" gibt, welches für das Durchstehen von schweren und ungemütlichen Zeiten steht, fehlt uns im Deutschen dafür eine entsprechende Bezeichnung. Die Bedeutung geht nämlich über reines Durchhaltevermögen hinaus und bezeichnet das Weitermachen auch bei Schmerzen, Angst oder Erschöpfung. In Finnland ist der Begriff laut dem Online-Magazin „Scandinavia Standard“ vor allem als kulturelles Konzept verbreitet.
Wer sollte daher mehr an einer Studie zu diesem Thema interessiert sein als die Finnen selbst? So stellten Forscher*innen der University of Applied Sciences in Helsinki 2022 die erste wissenschaftlich validierte Skala auf, um das Konzept „Sisu“ mithilfe von Fragebögen messen zu können. Dabei lassen sich zwei Varianten des Durchhaltungsvermögens festmachen: förderliche und schädliche Formen.
Förderlich ist Durchhalten dann, wenn es durch Ausdauer, Handlungsfähigkeit und dem Gefühl, auch schwierige Situationen bewältigen zu können, einhergeht. Dann führt es auch zu besserer Gesundheit und allgemeiner Lebenszufriedenheit.
Schädliche Formen des Durchhaltens sind gekennzeichnet durch erhöhten Stress und gesundheitliche Einschränkungen. Betroffene ignorieren Warnsignale, sind dauerhaft überlastet und machen trotz dieser auch körperlichen Belastung immer weiter. Durchhalten und „Nicht-Aufgeben“ sind also auch dieser Studie zufolge nicht immer förderlich und können ernsthafte Einschränkungen und Nachteile auf die körperliche und psychische Gesundheit mit sich bringen.
Auch im Arbeitsalltag machen sich die beiden Arten des Durchhaltens bemerkbar. Eine Folgestudie der Universität Helsinki, in der 455 Beschäftigte befragt wurden, zeigt, dass Durchhalten im gesunden Ausmaß psychische und körperliche Gesundheit verbessert und zu mehr Zufriedenheit führt. Die schädliche Form jedoch steht in Verbindung mit stärkerem Arbeitsstress und niedrigerer Zufriedenheit.
Jedoch muss bei diesen Ergebnissen beachtet werden, dass zwar ein Zusammenhang festgestellt werden konnte. Man kann aber nicht von einer Ursache-Wirkungs-Beziehung ausgehen. Es bleibt also ungeklärt, ob die schädliche Form des Durchhaltens zu mehr Arbeitsstress führt oder ob Menschen, die ohnehin mehr Stress empfinden, auch vermehrt zu dieser Form des Durchhaltens neigen.