Studie

Die Lohnschere schließt sich, doch die Armut wächst

Die Armut in Deutschland steigt trotz Mindestlohn: 17,3 Prozent der Haushalte in Deutschland waren 2024 armutsgefährdet. Der neue WSI-Verteilungsbericht erklärt, warum höhere Löhne allein die soziale Ungleichheit nicht aufhalten.

Entwicklung der Lohnungleichheit

Der diesjährige WSI-Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung ist ein besonderer: Die Verteilungsberichterstattung des WSI jährt sich 2026 zum 40. Mal. Die Autor*innen Dorothee Spannagel und Claus Schäfer nehmen das zum Anlass, die Ungleichheit der vergangenen Jahrzehnte nachzuzeichnen und zu fragen, wie sich die Einkommensungleichheit seit Beginn der 1990er Jahre verändert hat. Einen Schwerpunkt legenden Spannagel und Schäfer auf die Entwicklung der Lohnungleichheit.

Ihr Befund: Die Löhne am unteren Ende sind zusammengerückt, die Armut ist trotzdem nicht zurückgegangen. Im Gegenteil: Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen liegt nach den neuesten Daten auf dem zweithöchsten Stand seit 1992 und der Anteil der Menschen in Armut ist deutlich gestiegen, die untere Mittelschicht schrumpft. 

Der Bericht schlüsselt demnach auch auf, warum eine stabilere Lohnverteilung nicht zu mehr Einkommensgleichheit führt.

Einkommensungleichheit fast auf Rekordniveau

1992 lebten 11,9 Prozent der Bevölkerung in Armut, 2024 waren es 17,3 Prozent, nur 2021 lag die Quote mit 17,4 Prozent knapp höher. Als arm gilt, wer in einem Haushalt mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens lebt, 2024 entsprach das für einen Singlehaushalt einem verfügbaren Jahreseinkommen von unter 15.673 Euro. Noch stärker wuchs die strenge Armut (unter 50 Prozent des mittleren Einkommens, also unter 13.061 Euro): von 5,9 Prozent auf 10,4 Prozent, ein Plus von 76 Prozent. Ihren Höchststand erreichte sie 2020 mit 11,5 Prozent und ist seither leicht gesunken.

Die untere Mittelschicht, also Einkommen zwischen der Armutsgrenze und dem Median, schrumpfte von 38 Prozent der Bevölkerung (1992) auf 32,7 Prozent. Die obere Mitte blieb mit 44,3 Prozent (1992) und 43,0 Prozent (2024) stabil. Rund drei Viertel der Bevölkerung gehören weiterhin zur Einkommensmitte, dagegen stieg am oberen Rand der Anteil der sehr Reichen mit mehr als dem Dreifachen des Medians von 1,1 auf 1,9 Prozent. Die Autor*innen sprechen im Zuge der neuen Zahlen von einer wachsenden Polarisierung.

Politik muss Menschen materielle Sicherheit geben und Vertrauen vermitteln in eine faire Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands. Gelingt dies nicht, besteht die Gefahr, dass Menschen zunehmend das Gefühl entwickeln, andere erhielten ein Stück vom Kuchen, das ihnen eigentlich selbst zustehe.

Dorothee Spannagel und Claus Schäfer, WSI-Verteilungsbericht 2026, S.18

Mindestlohn verringert die Lohnspreizung

Bei den Löhnen verlief die Entwicklung anders. Für Vollzeitbeschäftigte zeigen OECD-Daten ein Verhältnis von oberen zu unteren Bruttomonatsverdiensten (D9/D1) von 3,52 im Jahr 2015 und 2,89 im Jahr 2024. Der Verdienst an der Schwelle zum obersten Zehntel war 2024 also knapp 2,9-mal so hoch wie an der Schwelle des untersten Zehntels. Das Statistische Bundesamt kommt bei den Stundenverdiensten aller abhängig Beschäftigten auf einen Wert von rund 3,0. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnbereich sank von 19,2 Prozent (2015) auf 15,1 Prozent (2024).

Einen wesentlichen Anteil daran hat der gesetzliche Mindestlohn: Er trat 2015 mit 8,50 Euro in Kraft, wurde 2022 auf 12 Euro angehoben, liegt seit Januar 2026 bei 13,90 Euro und steigt 2027 auf 14,60 Euro. Einen eher marginalen Beitrag leisteten bessere Entgelte etwa in der Pflege durch Pflege-Mindestlohn und Tarifpflicht (die Daten gelten nur für Vollzeitbeschäftigte, Minijobs fehlen, Männer sind überrepräsentiert).

Armut hat sich vertieft, die untere Mitte ist unter Druck geraten und Reichtum konzentriert sich zunehmend an der Spitze.

Dorothee Spannagel und Claus Schäfer, WSI-Verteilungsbericht 2026

Bessere Löhne bedeuten nicht weniger Armut

Löhne sind nur ein Teil des Haushaltseinkommens. Im Schnitt stammen etwa 70 Prozent des Bruttoeinkommens aus Erwerbstätigkeit, rund 18 Prozent aus staatlichen Transfers und etwa vier Prozent aus Kapitaleinkommen. 

Stundenlohn nicht gleich Einkommen

Tarifbindung wirkt

In tarifgebundenen Betrieben gibt es weniger Niedriglöhne und eine geringere Spreizung, zugleich beschneidet die sinkende Tarifbindung die Reichweite der Tarifpolitik. Selbst in Hochlohnbranchen wie Chemie und Metall liegen die Endstufen der Tarifgruppen unter 8.000 Euro.

Als Instrument gegen wachsende Abstände nennt der Bericht „soziale Komponenten“, etwa Mindestbeträge neben prozentualen Erhöhungen. Zum Beispiel in der Metallindustrie Baden-Württemberg: Zwischen 2010 und 2026 stieg die unterste Entgeltgruppe von 1.873,50 auf 2.740,50 Euro, die oberste von 4.721,50 auf 6.906,50 Euro. Das Verhältnis blieb bei 2,52, der absolute Abstand wuchs aber von 2.848 auf 4.166 Euro.

Drei Hebel gegen die Armut

Quelle

Spannagel, Dorothee; Schäfer, Claus (2026): Ungleiches Deutschland: Löhne und Einkommen seit 1992 - WSI-Verteilungsbericht 2026, WSI Report Nr. 117, Düsseldorf

 

Zur Studie: 

Grundlage des WSI-Verteilungsberichts sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Haushaltsbefragung mit rund 23.000 befragten Personen aus etwa 17.000 Haushalten. Die aktuell ausgewerteten Einkommensdaten beziehen sich auf das Jahr 2024. Ergänzend nutzen die Forschenden Lohndaten der OECD. Die Vermögensverteilung ist nicht Gegenstand der Untersuchung. Sie ist in Deutschland noch deutlich ungleicher als die Einkommensverteilung. 

 

Autorin des Artikels

Bettina Wolf Autorenbild

Bettina Wolf

Bettina Wolf ist seit September 2026 Teil des AIB-Teams. Als langjährige Print- und Online-Redakteurin für Magazine, Tageszeitungen und News-Portale hat sich die auf Familienthemen spezialisierte Journalistin schon früh mit Arbeitswelt und Mitbestimmung befasst – unter anderem als Betriebsrätin, wo sie die Themen der AIB aus erster Hand in der Praxis kennengelernt hat. Nach Stationen in Neuseeland, New York und Weinheim lebt sie heute wieder in Heidelberg. Wenn sie nicht gerade schreibt oder recherchiert, ist die zweifache Mutter und begeisterte Gen-Z-Kennerin auch als Vormund für unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche im Rhein-Neckar-Kreis im Einsatz.

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