Der Mai-Märtyrer
Der gebürtige Hesse August Spies starb im Einsatz für die Rechte amerikanischer Arbeiter. Nicht auf der Straße, sondern am Galgen. Sechs Jahre später wurde er rehabilitiert. Auftakt unserer Serie über soziale Vorkämpfer*innen.
Der gebürtige Hesse August Spies starb im Einsatz für die Rechte amerikanischer Arbeiter. Nicht auf der Straße, sondern am Galgen. Sechs Jahre später wurde er rehabilitiert. Auftakt unserer Serie über soziale Vorkämpfer*innen.

„Der Tag wird kommen, an dem unser Schweigen mächtiger sein wird als die Stimmen, die ihr heute unterdrückt.“ Mit diesen Worten, die Schlinge bereits um den Hals, stirbt August Spies am 11. November 1887 – hingerichtet als einer der sogenannten Haymarket-Märtyrer. Dass der 1. Mai heute in rund 80 Ländern als „Tag der Arbeit“ begangen wird, ist auch sein Vermächtnis. Und doch ist sein Name bis heute vielen Menschen unbekannt.
August Spieß wird am 10. Dezember 1855 im hessischen Friedewald (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) geboren. Da er dort keine Zukunft für sich sieht, wandert er 1872 als 16-Jähriger in die Vereinigten Staaten aus. Aus „Spieß“ wird „Spies“.
In New York beginnt er eine Lehre als Polsterer, ein Jahr später zieht er nach Chicago weiter. Hier erlebt er hautnah die prekären Lebensumstände vieler Arbeiter: Löhne, die kaum zum Überleben reichen, Arbeitszeiten von zwölf Stunden und mehr sowie soziale Verwerfungen durch die Industrialisierung. Die Forderungen nach fairen Löhnen, besseren Arbeitsbedingungen und dem Achtstundentag werden zu seinen politischen Anliegen – und prägen sein weiteres Leben.
Im Jahr 1886, als diese Forderungen von Zigtausenden im ganzen Land erhoben werden, ist August Spies längst zu einer führenden Figur der Arbeiterbewegung in Chicago geworden. Der rhetorisch hochbegabte Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung“ glaubt nicht mehr an politische Reformen. Die Forderung nach dem Achtstundentag wird zum Kulminationspunkt der Konflikte mit Unternehmern und der Staatsmacht. Der Gewerkschafts-Dachverband ruft zu einem mehrtägigen Generalstreik auf, beginnend am 1. Mai 1886. Bis zu 500.000 Menschen demonstrieren landesweit. Allein rund 90.000 in Chicago, wo August Spies am Abend eine Rede auf dem Haymarket hält.
In den folgenden Tagen eskaliert die Situation. Am 3. Mai sterben zwei Arbeiter, als die Polizei auf eine Gruppe von Streikenden vor einem Werk in Chicago schießt. Unter dem Eindruck dieser Geschehnisse schreibt August Spies einen flammenden Appell, in dem er die Arbeiter zur Selbstverteidigung und zur organisierten Gegenwehr aufruft. Zudem setzen Gewerkschafter für den kommenden Abend eine Protestveranstaltung am Haymarket an.
August Spies zögert zunächst, dort zu sprechen. Die letzten Tage haben ihn viel Kraft gekostet. Außerdem fürchtet er eine weitere Eskalation der Lage. Als er am Morgen des 4. Mai ein Flugblatt sieht, das im Anzeigenteil der Arbeiter-Zeitung erscheinen soll, wird er ungehalten. Darin werden die Arbeiter explizit aufgefordert, bewaffnet zur Protestveranstaltung zu kommen. Er droht mit seiner Absage, woraufhin der Passus herausgenommen wird. Doch zahlreiche Exemplare der ursprünglichen Version des Flugblatts sind schon in Umlauf.
Und dann passiert am Abend – zunächst kaum etwas. Es kommen viel weniger Besucher als erhofft, daher wird der Versammlungsort in eine Seitenstraße verlegt. Als Bühne dient ein herumstehender Lastwagen. Mit einiger Verspätung und unter Beobachtung des Bürgermeisters und der Polizei im Hintergrund hält August Spies seine Ansprache. Ein zweiter Redner folgt, schließlich ein dritter. Der Bürgermeister kann nichts Aufrührerisches hören oder sehen und geht nach Hause. Dann zieht auch noch ein Gewitter auf. Schätzungen zufolge halten sich zu diesem Zeitpunkt nur noch etwa 300 Menschen am Versammlungsort auf.
Dennoch schaltet sich nun die Polizei ein und fordert den sofortigen Abbruch der Veranstaltung. Die Organisatoren zeigen sich zunächst verwundert, leisten dem Befehl aber Folge. Beim Herabsteigen von dem Lastwagen, dem improvisierten Rednerpult, explodiert plötzlich eine Bombe. Chaos bricht aus, es folgen wilde Schüsse. Am Ende sind sieben Polizisten und zahlreiche Zivilisten tot. Das Geschehen markiert den Beginn einer brutalen Verfolgungswelle gegen die Arbeiterbewegung.
August Spies und weitere Personen werden als vermeintliche Drahtzieher der Haymarket-Unruhen festgenommen und wegen Mordes verurteilt. Wohlgemerkt wegen eines Mordes, die anderen Polizisten sind durch Kugeln umgekommen, die zumindest teilweise von ihren eigenen Kollegen stammen.
Die öffentliche Stimmung indes ist hysterisch, Hetze gegen die „Sozialrevolutionäre und Anarchisten“ weitverbreitet. Ein günstiger Moment für den voreingenommenen Richter, die Arbeiterbewegung ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Acht Männer werden schuldig gesprochen, vier von ihnen am 11. November 1887 hingerichtet. August Spies ist einer der vier. Zwei Tage später wird der Beerdigungszug von mehr als 20.000 Arbeiter begleitet.
Erst nach jahrelangen Protesten werden die Hingerichteten 1893 rehabilitiert. John Peter Altgeld, der – ebenfalls deutschstämmige – Gouverneur von Illinois räumt ein, der junge Mann aus Friedewald sei Opfer eines Justizmords geworden.
Im Juli 1889 beschließen die Delegierten der Zweiten Internationale auf ihrem Gründungskongress, den 1. Mai zum Kampftag für die Rechte der Arbeiter zu etablieren. Es ist eine direkte Reaktion auf die Haymarket-Ereignisse und die Hinrichtungen.
Heute wird der Tag in mehr als 80 Ländern als „Tag der Arbeit“ begangen. Anders in den USA, wo man seit 1894 am ersten Montag im September den „Labor Day“ feiert. Diese Wahl soll eine Assoziation zwischen Tag der Arbeit und der sozialistischen beziehungsweise kommunistischen Arbeiterbewegung verhindern.
Der 1. Mai seinerseits soll dieser Bewegung sogar entgegenwirken: Im Jahr 1921 wird der „Americanization Day“ eingeführt, der patriotische Werte betont. 1958 erklärt der Kongress den 1. Mai zum „Loyalty Day“ und offiziellen Feiertag. Er soll Treue zu den Vereinigten Staaten und ihrer Verfassung symbolisieren.
In Spies alter Heimat wird der 1. Mai erstmals 1919 und dauerhaft im Jahre 1939 zum Feiertag. Immerhin: Schon zuvor, im November 1918, haben die Gewerkschaften und Arbeitgeber in Deutschland ein Abkommen zur Einführung des Achtstunden-Arbeitstages getroffen. In den USA wird das große Ziel von August Spies erst 20 Jahre später landesweite Realität.
Zum Weiterlesen: „August Spies – Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika“ von Heinrich Nuhn, Verlag Jenior & Pressler (nur noch antiquarisch erhältlich).