Gewerkschaft & Politik

Karl Nasemann: Der stille Held von Hannover

Der Hannoveraner Karl Nasemann steht sinnbildlich für den „Widerstand der kleinen Leute“ im Nationalsozialismus. Doch auch zu Friedenszeiten setzte er sich, unter anderem als Betriebsrat und Gewerkschafter, für mehr Mitmenschlichkeit ein.

Hannover, Göttinger Straße. Vor der Filiale eines Fahrrad-Centers stehen seit 2024 zwei Erinnerungstafeln. Von einer blickt ein fescher junger Mann, ein ganz leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Die Bildunterschrift weist ihn als Karl Nasemann im Alter von 27 Jahren aus. Er wird dort als „stiller Held“ vorgestellt. Es gibt kaum einen Text über ihn ohne diese oder ähnliche Zuschreibungen. Der Einsatz für andere Menschen, für Kumpel, Kolleginnen und Kollegen, zog sich durch sein ganzes 92 Jahre währendes Leben.

Nasemann wird 1926 entlassen und findet 1927 eine Aushilfstätigkeit als Wagenwäscher. Anschließend geht er mit zwei Freunden auf mehrmonatige musizierende Wanderschaft und hält sich dann als Kraftfahrer über Wasser. Im April 1933 kommt es knüppeldick: Das „Seidenhaus Marx“, sein Arbeitgeber, wird boykottiert, weil der Inhaber Jude ist. Zudem besetzen die Nationalsozialisten das Gewerkschaftshaus. Karl Nasemann und andere leisten Widerstand, indem sie Flugzettel verteilen und Stempelaufdrücke verbreiten: „Füllt nicht die Sammelbüchsen der Rüstungsindustrie.“

Rüstungsgegner landet im Rüstungsbetrieb

Anfang 1935 findet er über das Arbeitsamt wieder eine Anstellung. Aber wo! Er, der sich schon als Jugendlicher ein zerbrochenes Gewehr als Abzeichen besorgt hatte, arbeitet nun für die Hannoversche Maschinenbau AG, kurz: Hanomag. „Was ich dort als Erstes sah, erfüllte mich mit Entsetzen. Dort wurden keineswegs, wie ich erwartet hatte, Anhänger oder dergleichen zivile Güter produziert, sondern Kanonen.“ Ihm war entgangen, dass der Konzern von Lokomotiven, Landmaschinen und Pkw auf Feldhaubitzen, Flugabwehrgeschütze und Granaten umgesattelt hatte. Nasemann erlebt einen großen inneren Zwiespalt, doch sein erstes Kind ist unterwegs und die sieben Jahre an Aushilfstätigkeiten hatten die ohnehin vorhandene materielle Not verschlimmert. „Mich aber ließ ein Gedanke nicht mehr los: Es ist noch nie eine Kanone gebaut worden, mit der nicht auch geschossen wurde.“ Nasemann bleibt sich trotzdem treu und wird schnell Mitglied einer Gruppe, die sich gegenseitig unter dem Motto unterstützt: „Solidarität ist unsere einzige Waffe!“

„Mich aber ließ ein Gedanke nicht mehr los: Es ist noch nie eine Kanone gebaut worden, mit der nicht auch geschossen wurde.“

Karl Nasemann

Das bezieht auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeitende und schließlich von Frühjahr 1945 an KZ-Häftlinge aus dem Lager Mühlenberg mit ein. Wie die Stadt Hannover berichtet, wurden sie primär für körperlich schwere und gefährliche Arbeiten sowie Hilfstätigkeiten eingesetzt: „Meist führten deutsche Arbeiter die Aufsicht in den Werkshallen und bestraften ‚Vergehen‘ mit Überstunden oder Prügel.“ Und weiter: „Einer der Arbeiter der Hanomag, der es sich traute, dem Rassismus und der Gewalt der Nationalsozialisten Empathie und Mitmenschlichkeit entgegenzusetzen und aktiv Widerstand zu leisten, war Karl Nasemann.“

Kartoffelschalen für KZ-Häftlinge

In Zeitzeugengesprächen erzählt Nasemann, wie er und andere Mitarbeitende im Betrieb Verwundete mit Verbandszeug ausgestattet und Kartoffelschalen für die KZ-Häftlinge gesammelt haben – wohlwissend, dass auf sie der Strick wartet, wenn sie erwischt werden. Nasemann: „Ich fand es deprimierend, für Menschen Abfälle zu sammeln. Aber zugleich wusste ich, dass die vitaminreichen Schalen ein wenig helfen konnten, das Überleben der KZ-Häftlinge zu sichern.“ Eines Tages sei eine Familie mit zwei zwölfjährigen Kindern in die riesige U-Boot-Werkshalle gekommen, in der er zu diesem Zeitpunkt arbeitete. „Da haben wir zu unserem Meister gesagt: Hör zu, die Kinder arbeiten hier nicht.“ Sie versteckten sie tagsüber in einer „Butze“, so Nasemann, und wenn die Arbeiter Pause machten, durften die Kleinen ihre Eltern sehen.

Unermüdlicher Einsatz für Mitmenschen

Schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, im April 1945, beteiligt sich Nasemann am Aufbau des ersten provisorischen Betriebsrates bei der Hanomag. Zuerst wird ein Wachdienst eingerichtet, „denn es wurde – kein Wunder bei der großen Not – alles gestohlen, was sich wegtragen ließ“. Nach seinen Erlebnissen will er den Betrieb aber unbedingt wechseln und startet im August 1945 als Fahrer bei den städtischen Gaswerken. 1946 wird dort ein Betriebsrat gewählt, doch Nasemann darf nicht kandidieren, weil er noch kein ganzes Jahr im Betrieb ist. 1947 wird er schließlich stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, 1954 dann Geschäftsführer des Gesamtbetriebsrats bei der Stadtverwaltung. 

Dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, deutet Edith Nasemann viele Jahre später an: Sie erzählt einmal, dass sie seinerzeit die Terminmappe ihres Mannes mit Vorlagen spickte, die sie für wichtig hielt. Kennengelernt hatte er sie im Sekretariat des Gesamtbetriebsrats.

Karl Nasemann engagiert sich außerdem in der gewerkschaftlichen Arbeit sowie in der SPD. Er ist ÖTV-Sprecher der Kreisdelegierten, wird 1977 Mitglied des Seniorenbeirats der Stadt Hannover und 1979 Mitbegründer des dortigen DGB-Seniorenkreises: „Wir Begründer dieses Kreises waren überzeugt, dass das gewerkschaftlich aktive Leben nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand enden sollte.“ 1984 wird er mit der Stadtplakette Hannovers ausgezeichnet. Karl Nasemann stirbt am 21. November 2000. Fünf Jahre später wird ein Weg im Hannoveraner Stadtteil Ricklingen nach ihm benannt, 2024 werden die Erinnerungstafeln enthüllt.

Tipp der Redaktion

Karljosef Kreter (Red.): Karl Nasemann 1908-2000, Erinnerungen, Hannoversche Geschichtsblätter 2006, Verlag Hahnsche Buchhandlung, ISBN: 978-3-7752-5942-2 

Karl Nasemanns Zeitzeugen-Berichte auf Youtube: 

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

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