Gewerkschaftergeschichte

Vom Landarbeiterkind bis ins Schloss Bellevue

Lorenzo Annese war der erste ausländische Betriebsrat in Deutschland. Was er über Mitbestimmung, Emigration und sein Leben zu erzählen hat, verdient in der heutigen Zeit mehr denn je Gehör. 

Lorenzo Annese war 1961 der erste italienische „Gastarbeiter“ bei Volkswagen und wurde 1965 der erste ausländische Betriebsrat in Deutschland. „Alles Vergangenheit“, sagt er lächelnd, als wir ihn auf diese Meilensteine seines Lebens ansprechen. Springen wir also in die Jetzt-Zeit: 2024 verlieh ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz, und sein Espressokocher steht mittlerweile im Bonner Haus der Geschichte. Dort heißt es, das Objekt stehe für die Entwicklung Deutschlands zur Einwanderungsgesellschaft und verbinde persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichem Wandel. 

Doch das alles ist gar nicht das Bemerkenswerteste an ihm. Es sind seine große Menschlichkeit, seine Bescheidenheit – und sein scharfer Verstand. Deswegen mag er auch das Wort „Gastarbeiter“ nicht, das viele wie selbstverständlich verwenden: „Ich habe noch nie von irgendeinem Ort auf der Welt gehört, wo der Gast arbeiten muss.“ Und das musste er, viel und hart.

Harte Arbeit schon im Kindesalter

Lorenzo Annese wurde 1937 im apulischen Dorf Alberobello geboren. Er wuchs in Krisen- und Kriegszeiten auf, und die Familie war groß. Annese musste schon mit siebeneinhalb Jahren arbeiten gehen. Der Lohn für seine Tätigkeit als Hütejunge war das bisschen Brot, das er vom Schäfer bekam. Erde und Steine tragen, in den Weinbergen arbeiten – auch die folgenden Tätigkeiten waren „schwer und erniedrigend“, erzählt er in seiner 2022 auf Deutsch erschienenen Biografie.

1958 folgte über das Anwerbeabkommen zwischen Italien und Deutschland der Schritt ins Ausland, genauer: nach Bokensdorf bei Wolfsburg. „Wir haben die ersten Steine für Europa gelegt“, sagt er im Gespräch mit aib-web.de. Allein, die Nachfrage Deutschlands nach Arbeitskräften sei ein Segen für Italien, aber nicht für die Italiener gewesen. Ökonomisch ging es ihnen zwar besser, aber zu welchem Preis? Sie mussten ihre Heimat, ihre Familien, ihren Kulturkreis hinter sich lassen für eine Gesellschaft, deren Sprache sie nicht sprachen und die ihnen zunächst wenig Unterstützung anbot, für die sie aber die Knochen hinhalten sollten. Auch in Deutschland arbeitete er zunächst auf dem Feld und später bei einer Baufirma, in der er 30-Kilo-Zementblöcke im Akkord verladen musste – für maximal eineinhalb Pfennig das Stück.

Mit Mut zu VW

Alles ist besser als das, dachte sich Lorenzo Annese. Nachdem er sich mehrmals vergeblich bei Volkswagen beworben hatte, meldete er sich als Mitglied einer Besuchergruppe an. Statt die Autos zu bewundern, ging er schnurstracks in die Personalabteilung. Sein Mut wurde mit einer Anstellung belohnt. Nachdem er kurze Zeit im Karosserie-Rohbau tätig war, kamen 1962 viele weitere seiner Landsleute zu VW. Er wurde von der Arbeit freigestellt, um sie zu betreuen.

Bei den Betriebsratswahlen 1965 erhielt er einen Platz auf der IG Metall-Liste. Ausländer*innen durften damals zwar Betriebsräte wählen, aber nicht als solche gewählt werden. Für Anneses Platz im Betriebsrat war die Zustimmung des Arbeitgebers erforderlich. Bis das passive Wahlrecht der ausländischen Beschäftigten gesetzlich geregelt war, dauerte es noch einige Jahre: Die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes, welche die sogenannte migrantische Mitbestimmung ermöglichte, kam erst 1972. 

Lorenzo Annese blieb bis zu seiner Rente 1993 bei VW und leitete dort auch fast 30 Jahre lang den Ausländer-Ausschuss. Er schüttelte Menschen wie Michail Gorbatschow oder Richard von Weizsäcker die Hände, vergaß seine Aufgabe aber doch nie. Dem ehemaligen italienischen Staatspräsidenten Francesco Cossiga überreichte er beispielsweise einen Schraubenschlüssel als Symbol der Arbeiterschaft. 

Whitepaper Neu im BR 2026 1200x630_IW

Neue Pfade beschritten und Wege geebnet

Lorenzo Annese hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. So ist die aktuelle Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende von VW, Daniela Cavallo, selbst Tochter italienischer Einwanderer. Sie bezeichnet Lorenzo Annese als Vorbild – „für Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte und auch für mich persönlich. 

Das liegt nicht zuletzt auch in der Art begründet, wie er seine Arbeit aufgefasst hat: „Ich habe durch mein Verhalten immer bewiesen, dass die Betriebsräte und Gewerkschaften keine Feinde der Industrie oder des Kapitals sind. Wir wollen nur gerecht behandelt werden. Dort, wo Probleme erkannt wurden, haben wir versucht, gemeinsame Lösungen zu finden.“ Der Betriebsrat sei ein sehr wichtiges Instrument: Arbeitnehmer*innen, die sich selbst nicht wehren könnten, bräuchten für ihre Anliegen eine Anlaufstelle im Betrieb. Der Betriebsrat versuche, zu vermitteln und die Wogen zu glätten.

Blickt er zurück, spürt er vor allem eine große Freude über all das, was ihm gelungen ist: „Ich habe wahrscheinlich die Gabe gehabt, zu bewältigen, was vor mir lag.“ Er denkt an und dankt Otto Brenner, den er als seinen Lehrmeister bezeichnet. Dieser habe „seinen Mund aufgemacht“ für die Mitbestimmung. 

Allerdings sei er auch „ein bisschen enttäuscht“ über die heutigen Entwicklungen, sagt Lorenzo Annese. Er findet es schade, dass viele Menschen nicht mehr zu schätzen wüssten, was sie – bei allen Problemen – haben. „Das ist erarbeitet worden, weil sich meine Generation langgemacht und in die Hände gespuckt hat.“ Gleichzeitig sei er oftmals wütend über Unternehmer, die „nie satt“ würden. 

Auch zum derzeit wieder hochaktuellen Thema der Migration hat er viel zu sagen. Aus seiner eigenen Erfahrung weiß er: „Das Leben hat überall seinen Preis, und der, den die Emigration dich zu zahlen zwingt, ist der Zustand des ewigen Wartens auf ein inneres Gleichgewicht, das nie kommen wird.“ Er könne jedoch mit Bestimmtheit für sich persönlich sagen, dass er Glück gehabt hat.

Tipp der Redaktion

Die Biografie von Lorenzo Annese ist unter dem Titel „Vita da Gastarbeiter“ auf Deutsch im Dietz-Verlag erschienen. Ein rund halbstündiges Interview des Zeitzeugen-Projekts der Volkswagen-Gruppe ist hier abrufbar.

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

AiB Audio