Streikbilanz 2025: Rückgang auf hohem Niveau

Nach Berechnungen des WSI erlebte Deutschland im vergangenen Jahr 261 Arbeitskämpfe. Dieser Wert übersteigt das langjährige Mittel deutlich – ganz im Gegensatz zur Zahl der streikenden Beschäftigten. 

Die Zahl der Streiks und streikbedingten Arbeitsausfälle in Deutschland ist im vergangenen Jahr zurückgegangen. Dies zeigt die sogenannte Arbeitskampfbilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach fanden 2025 hierzulande 261 Arbeitskämpfe statt, rund 25 respektive rund 9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. 

Zugleich „blieb die Konflikthäufigkeit im langfristigen Mittel weiter auf hohem Niveau“, wie es in dem Report heißt. So hat Deutschland nach WSI-Zählungen seit 2016 lediglich 2023 (312) und 2024 (286) mehr Streiks erlebt als im vergangenen Jahr – im Mittel der zurückliegenden zehn Jahre gab es laut dem Report nur 229 Arbeitskämpfe. Zwischen 2006 und 2015 hatte es den Forscherinnen zufolge gar nur durchschnittlich 182 Streiks pro Jahr gegeben. Seither hat laut WSI nicht nur die Zahl der Streiks, sondern auch die bestreikten Betriebe strukturell zugenommen.

Im historischen Vergleich war 2025 zufolge also ein intensives Streikjahr. Einerseits. Denn anders als die Zahl der Streiks ging gemäß den Schätzungen des WSI – das mehr Streiks erfasst als die Bundesagentur für Arbeit in der amtlichen Statistik – sowohl die Zahl der Streikenden (von 912.000 auf 552.000 Personen) als auch die der arbeitskampfbedingt ausgefallenen Arbeitstage (von 946.000 auf 645.000) auf langfristig unterdurchschnittliche Werte zurück. 

Einen zentralen Grund für diese „Entkoppelung“ – langfristige Zunahme der Streikereignisse hier, Abnahme der Teilnehmendenzahlen und Ausfalltage dort – sehen Thilo Janssen und Dr. Heiner Dribbusch als Autoren des Reports „in einer veränderten Arbeitskampfführung der Gewerkschaften“. Auch weil sich Unternehmen verstärkt aus Flächentarifverträgen zurückziehen, überwiegen mittlerweile einzelne, relativ kurze Arbeitsniederlegungen, während „unbefristete Flächenstreiks“ selten geworden seien. Für 2026 halten sie dennoch eine Wiederzunahme der Teilnehmenden- und Ausfallzahlen für möglich, da in diesem Jahr gemäß WSI-Tarifarchiv Tarifverträge für etwa 10 Millionen Beschäftigte neu verhandelt werden, deutlich mehr als 2025 (rund 6,3 Millionen).

Ein zentrales Ziel: Tarifbindung

In der Arbeitskampfbilanz 2025 hat das WSI „erstmals detailliert die Arbeitskampfziele der Gewerkschaften in Zahlen ausgewertet“, wie es in dem Report heißt. Dabei sei vor allem die Häufigkeit der Fälle „bemerkenswert“, in denen Beschäftigte für die (erstmalige) Tarifbindung von Unternehmen streikten, meist in Form von Haustarifverträgen. Insgesamt betraf dies im vergangenen Jahr 69 und damit 27 Prozent der Streiks. „Gewerkschaften müssen somit einen erheblichen Teil ihrer Ressourcen dafür aufwenden, der Tarifflucht der Unternehmen und damit einem weiteren Absinken der Tarifbindung entgegenzuwirken“, Thilo Janssen und Dr. Heiner Dribbusch dazu. 

Der Abschluss von Tarifverträgen war 2025 das zweithäufigste Streikziel. In 126 der 261 Arbeitskämpfe – fast jeder zweite – gingen Beschäftigte für höheres Entgelt auf die Straße. Grundsätzlich spiegelte sich in den Herangehensweisen und Zielen der Streikenden die Arbeitsmarktsituation der jeweiligen Branchen. So hätten die Gewerkschaften in einigen von Arbeitskräftemangel bestimmten Bereichen wie Gesundheit, Soziales und öffentliche Verwaltung eher offensive Strategien gewählt; auch erlebte der Dienstleistungssektor die beiden größten Streiks anno 2025: im Frühjahr legten Arbeitnehmer*innen des Bundes und der kommunalen Verkehrsunternehmen ihre Arbeit nieder, im Frühwinter die Tarifbediensteten der Länder. 

Im produzierenden und im Baugewerbe hingegen, wo vermehrt Arbeitsplätze abgebaut wurden, gab es tendenziell kleinere Arbeitskämpfe, die laut WSI „häufig entsprechend defensiv angelegt“ waren. Es ging also etwa um tarifliche Vereinbarungen zu Beschäftigungssicherung, Abfindungen oder Transfergesellschaften. Hier kam es auch zu einem der wenigen Erzwingungsstreiks des Jahres: Nachdem der Gabelstapler-und Hubwagenhersteller Jungheinrich die Schließung des Produktionsstandorts  Lüneburg angekündigt hatte, legten Beschäftigte ab November 2025 für 85 Tage die Arbeit nieder.  Der Protest gegen die Teilschließung endete mit einem Teilerfolg: Die rund 160 Fertigungsmitarbeiter verlieren Ende März 2027 ihre Jobs, werden aber durch ein laut Gewerkschaften „substanzielles Paket“ sozial abgefedert.    

Zum Report „WSI-Arbeitskampfbilanz 2025“ geht es hier

Gewusst was

Autorin des Artikels

Eva Seip

AiB Audio