Studie

Arbeitskräfte, Ihr werdet fehlen

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet angesichts neuer demografischer Daten damit, dass in Deutschland bis zum Jahr 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Auch Beschäftigungsprognosen des IAB lesen sich besorgniserregend – zumindest in Teilen.

Weitgehend still und leise vollzieht sich in Deutschland gerade der lange prognostizierte demografische Wandel. Laut dem Statistischen Bundesamt sank der Bevölkerungsstand im Jahr 2025 um 110.000 Personen auf etwa 83,5 Millionen. Anders als in den Vorjahren, in denen die Zahl der Menschen stets gewachsen war, konnte die rückläufige Zuwanderung den Negativ-Saldo im Verhältnis Geburten zu Sterbefällen nicht ausgleichen. Zumal es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie so wenig Geburten gab wie im vergangenen Jahr und die geburtenstarken Jahrgänge von einst immer weiter altern, was wiederum die Anzahl der Sterbefälle erhöht.

Eine Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese Entwicklungen fortsetzen und der Bevölkerungsstand bis 2045 auf etwa 81,1 Millionen Personen sinken wird. Vor zwei Jahren waren die Forschenden noch von einem moderaten Wachstum bis 2040 ausgegangen. Durch die eingetrübte konjunkturelle Perspektive und die Migrationswende der Bundesregierung sei jedoch kurz- und mittelfristig mit geringeren „Wanderungsgewinnen“ zu rechnen. 

Die dadurch entstehende Lücke beim Arbeitskräftepotenzial in Deutschland stelle die Gesellschaft vor große Herausforderungen, schreiben die IW-Forscher: „Schon in wenigen Jahren fehlen der Wirtschaft die Arbeitskräfte, um Wohlstand zu erarbeiten und den Sozialstaat in seiner heutigen Form zu tragen“. Sie sehen die Sicherstellung des Arbeitsvolumens – unter anderem durch die Gewinnung ausländischer Fachkräfte – als zentrale arbeitsmarktökonomische Herausforderung der kommenden Jahre.

IAB erwartet Beschäftigungsrückgang

Das IW gilt als arbeitgebernah. Aber im Kern decken sich seine Erkenntnisse mit jenen anderer Akteure, darunter das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Dessen Daten zufolge wird das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland 2026 erstmalig seit langem sinken, und zwar um 40.000 auf 48,62 Millionen Personen. Für die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sagt das IAB ebenfalls einen leichten Rückgang voraus. Als Gründe werden die demografische Schrumpfung (siehe oben) und die wirtschaftliche Transformationskrise – man könnte auch von Strukturwandel sprechen – genannt.

Die negative Beschäftigungsentwicklung betrifft laut IAB nicht alle zehn von dem Institut betrachteten Wirtschaftsbereiche. Freilich entstünden „nahezu alle zusätzlichen Stellen“ im Bereich öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit. Getrieben durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung und die Alterung der Gesellschaft würde es dort laut Prognose 180.000 Beschäftigte mehr geben als bislang. 

Außerhalb dessen erwartet das IAB nur in der Finanz- und Versicherungsbranche, wo jahrelang Stellen reduziert wurden, ein (leichtes) Wachstum von etwa 10.000 Stellen. Dagegen werde die Beschäftigung in der Industrie trotz einiger Stabilisierungsanzeichen weiter sinken, nämlich um insgesamt rund 140.000 Personen. Zur Begründung verweist Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am IAB, unter anderem auf die zusätzlichen Belastungen durch den Irankrieg und die damit verbundenen Energiepreissteigerungen und Handelsstörungen.

Eine schrumpfende und alternde Bevölkerung, weniger Beschäftigung, bescheidene Konjunkturaussichten: Zwar liefern die Kurzberichte von IW und IAB in Teilen besorgniserregende Daten, aber je nach Lesart auch Beruhigendes. Etwa was das Thema Automatisierung und KI betrifft. So schreibt das IAB: „Von den Umbrüchen durch Künstliche Intelligenz sind zwar auch junge Akademikerinnen und Akademiker betroffen, aber gut qualifizierte Arbeitskräfte werden weiterhin gebraucht.“  Und auch laut IW kann KI den Mangel an Arbeitskräften bis auf Weiteres nicht kompensieren. 

Daran könnten Betriebsräte sich und vor allem die Arbeitgeberseite erinnern, wenn diese in Gesprächen über Personalabbau die neuen technischen Möglichkeiten beschwören.

Der IW-Kurzbericht „Die Babyboomer erreichen das Rentenalter“ kann hier heruntergeladen werden. Der IAB-Kurzbericht zur Arbeitsmarktentwicklung 2026 ist hier abrufbar.

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

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