Arbeitsmarkt

Das Ausbildungsparadox verschärft sich

Das Angebot für Ausbildungsplätze ist rückläufig, die Zahl abgeschlossener Verträge sinkt – während die der Bewerber*innen eher steigt. Die Lage am Ausbildungsmakrt bleibt laut aktuellen Daten angespannt. 

Der Ausbildungsmarkt in Deutschland schrumpft. Im vergangenen Jahr ist das betriebliche Ausbildungsplatzangebot im Vergleich zu 2024 ebenso gesunken wie die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Zudem ging der Anteil der übernommenen Auszubildenden von 79 Prozent auf 75 Prozent zurück. Das sind Ergebnisse des Betriebspanels des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). 

Was das Ausbildungsangebot angeht, nahm 2025 sowohl die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze wie der Anteil der Ausbildungsbetriebe ab. Letzterer sank immerhin nur leicht und auf historisch hohem Niveau: Unter den ausbildungsberechtigten Betrieben – das ist gut jeder Zweite – bildeten gemäß den IAB-Daten 55 Prozent im vergangenen Jahr tatsächlich aus, ein Prozentpunkt weniger als 2024. Der Anteil an der Gesamtzahl der Betriebe lag damit bei 29 Prozent. 

Die Zahl der abgeschlossenen Verträge betreffend verweist das IAB auf den aktuellen Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Demnach wurden im Ausbildungsjahr 2025/2026 rund 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, etwa 10.000 weniger als im Jahr zuvor und sogar 49.000 weniger als 2019, dem Jahr vor Beginn der Corona-Krise. 

Eine Frage der Passung

Das seit Jahren diskutierte Passungsproblem am Ausbildungsmarkt besteht fort, daran lassen die Daten keinen Zweifel. Während die Zahl der am Ende des jüngsten Ausbildungsjahres (Stichtag 30. September 2025) unversorgten Bewerber*innen mit fast 40.000 einen Rekord erreichte und weitere 44.500 Suchende, die zwischenzeitlich eine Alternative gefunden haben, noch immer eine Ausbildung machen wollen, blieb der Anteil der unbesetzten Ausbildungsplätze laut IAB-Panel auf historisch hohem Niveau: 30 Prozent entspricht zwar einem Minus von 5 Prozentpunkten gegenüber 2024, aber auch einem Plus von 10 Prozentpunkten gegenüber 2015. Und in manchen Branchen lag die Quote deutlich höher. Im Baugewerbe etwa blieb im vergangenen Jahr fast jede zweite Ausbildungsstelle unbesetzt.

Warum bleiben viele Stellen unbesetzt, wenn doch zahlreiche Jugendliche nach Ausbildungsplätzen suchen? Das arbeitgeberfreundliche Institut der deutschen Wirtschaft (IW) nennt drei Hauptgründe: Zunächst gebe es ein regionales „Missmatch“: Arbeitgeber und Ausbildungssuchende leben in unterschiedlichen Regionen. Beim beruflichen Missmatch passen die Interessen der Jugendlichen nicht zur Ausbildungsstelle. Drittens kann es laut IW zum qualifikatorischen Missmatch kommen:  Schulische Leistungen oder andere Voraussetzungen der Bewerber*innen entsprechen nicht den Ansprüchen der Betriebsführung für die Stelle. 

Immerhin haben trotz Wirtschaftstief auch 2025 relativ viele Betriebe ihre Auszubildenden übernommen. Denn die erwähnten 79 Prozent im Jahr 2024 waren ein historischer Spitzenwert. Besonders in Branchen wie dem Bergbau, der Energie- und Wasserversorgung sowie im Finanz- und Versicherungswesen und der öffentlichen Verwaltung standen die Chancen Auszubildender auf eine Zukunft im Betrieb laut IAB gut: Dort wurden 2025 jeweils circa 90 Prozent von ihnen übernommen. Die geringsten Aussichten bestanden für Azubis in der Land- und Forstwirtschaft mit 44 Prozent sowie im Bereich personenbezogene Dienstleistungen mit 52 Prozent. 

Bei der Vergütung geht's aufwärts

Ohnehin gibt es aus Sicht der Auszubildenden auch gute Nachrichten. Denn während das Ausbildungsangebot zurückgeht, entwickeln sich die Vergütungen laut einer Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zumindest in Tarifbranchen positiv. Im laufenden Ausbildungsjahr sind die Vergütungen für neue Auszubildende im Schnitt der gut 20 vom WSI untersuchten Branchen um 3,9 Prozent gestiegen. 

Damit setzt sich der Trend der Vorjahre fort: Zwischen 2015 und 2025 sind die durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen um rund 47 Prozent gestiegen, stärker als die entsprechenden Tariflöhne. „In den meisten Tarifbranchen liegen die Ausbildungsvergütungen heute auch im ersten Ausbildungsjahr über 1.000 Euro im Monat und übertreffen damit den Bafög-Höchstsatz für Studierende“, sagt der Autor der Studie und Leiter des WSI-Tarifarchivs, Prof. Dr. Thorsten Schulten. In Branchen ohne Tarifvertrag sieht das seiner Aussage nach ganz anders aus. Dort müssten Auszubildende „mitunter sogar mit der völlig unzureichenden Mindestausbildungsvergütung von derzeit 724 Euro im Monat auskommen“.

Keine Entspannung in Sicht

Wie sind die Aussichten im Ausbildungsmarkt? Das dürfte vor allem von der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung abhängen. Die aktuelle Lage erklärt IAB-Forscherin Ute Leber so: „Ungünstige oder unsichere Geschäftserwartungen führen zu etwas größerer Zurückhaltung bei der Übernahme der Auszubildenden oder dem Abschluss neuer Ausbildungsverträge. Das ist insbesondere für das verarbeitende Gewerbe zu beobachten.“ Unter anderem dürften sich da die Folgen des Iran-Kriegs da bemerkbar machen – jetzt und auch in naher Zukunft. Die IAB-Forscher*innen befürchten, dass die Zahl der im Jahr 2026 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge letztlich „sogar unter den Tiefstand von 2020 fallen könnte“.

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  • Hier geht’s zum aktuellen  IAB-Kurzbericht
  • Hier geht’s zur WSI-Auswertung

Autorin des Artikels

Eva Seip

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