Was hat Euch dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben – und was können Betriebsräte daraus mitnehmen?
Gerhard Treinen: Nachdem das angestrebte Ziel, einen Tarifvertrag zu erkämpfen, unerreicht blieb, wollten wir nicht einfach auseinandergehen und die Kolleg*innen jede(n) für sich mehr oder weniger frustriert zurücklassen. Auch wenn wir uns nicht durchsetzen konnten, haben wir einiges für uns erreicht. Viele sind an der Auseinandersetzung persönlich gewachsen, akzeptieren Dinge nicht einfach deshalb, weil eine Management-Clique sie durchsetzen will. Wir haben gelernt, was die Solidarität unter Kolleg*innen bedeutet und wie viel Kraft Support man aus ihr ziehen kann. Das wollten wir bewahren und den Kolleg*innen mit diesem Buch auch etwas Physisches mitgeben. So haben alle etwas in Händen, das die Erinnerung bewahrt, ein Teil des Prozesses gewesen zu sein.
Jan Schulze-Husmann: Viel zu oft werden Erfahrungen aus Arbeitskämpfen nicht dokumentiert und weitergegeben. Erst recht, wenn es keinen ökonomischen Erfolg gab. Dabei kann man gerade auch aus nicht gewonnenen Streiks viel für zukünftige Auseinandersetzungen lernen. Dazu wollten wir beitragen, indem die Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen authentisch wiedergeben.
Ihr beschreibt in dem Buch einen Betrieb mit vielen Befristungen, Leiharbeit und verweigertem Tarifvertrag: Was hat die Beschäftigten letztlich dazu gebracht, sich trotzdem zu organisieren?
Gerhard: Die Erfahrung, dass die Unternehmensleitung kein Interesse hatte, sich mit den realen Problemen der Beschäftigten auseinanderzusetzen. Über Jahre hinweg zog die Unternehmensleitung ihren Stiefel durch und ordnete alles den Gewinnen der Anteilseigner unter. Ich glaube, wenn du keine Zukunft für dich erkennst und dir finanziell das Wasser bis zum Hals steht, überwiegt irgendwann der Wille, daran etwas zu ändern, die Angst, das bisschen, was Dir bleibt, auch noch zu verlieren. In dieser Situation haben wir mit einem Tarifvertrag die einzig reale Möglichkeit angeboten.
Jan: Die Kolleginnen und Kollegen haben erkannt, dass man nur gemeinsam und solidarisch etwas erreichen kann. Hierzu wurden neben den Betriebsversammlungen auch andere Formen des Austauschs genutzt und entwickelt. Gemeinsam mit ver.di sind möglichst viele Beschäftigte angesprochen und für die Streikbewegung gewonnen worden. Wichtig ist es natürlich, sich von Rückschlägen in diesem Organisierungsprozess nicht entmutigen zu lassen.
Das Unternehmen soll versucht haben, die Belegschaft zu spalten: Wie wirkt solch eine Strategie im Alltag – und wie kann man als Beschäftigte und Betriebsrat dagegen angehen?
Gerhard: Für mich war es erschreckend und persönlich ernüchternd zu sehen, mit welch einfachen Mitteln Spaltung in einem Betrieb gelingen kann. Dafür reicht eine innerbetriebliche Kommunikation, die ein Dauerfeuer aus Desinformation und Halbwahrheiten, Verschwörungstheorie und Delegitimierung des Gegners entfacht. Dabei kommt es nicht auf die Wahrheit an, man muss nur lautstark genug Behauptungen aufstellen.
Auch wenn du mit Fakten dagegenhältst, führt das früher oder später in eine Situation, die Hannah Arendt bereits treffend beschrieben hat: Es kommt nicht darauf an, ob die Lüge geglaubt wird, es reicht, wenn die Mehrheit nicht mehr weiß, was die Wahrheit ist. Diese Verunsicherung verführt viele Menschen dazu, sich der vermeintlichen Sicherheit autoritärer Strukturen anzuschließen und unterzuordnen.
Ein weiteres Mittel, ist das altbekannte Prinzip „Teile und herrsche“, im Prinzip eine spezielle Form der Korruption: Belohne Mitarbeiter dafür, dass sie sich von den Kolleg*innen abwenden. Das wurde von einigen unserer Beschäftigten als Möglichkeit wahrgenommen, etwas für die persönliche Entwicklung erreichen zu können. In Betrieben, in denen Chancen und Sicherheit knapp bemessen sind, entwickelt sich daraus schnell ein Wettbewerb um die Gunst des Chefs.
Was genau war dabei erschreckend?
Gerhard: Beide Methoden richtig angewendet, führen jeden Betrieb geradewegs in die Spaltung. Besonders ernüchternd war aber zu sehen, wie diese Spaltung auch unter langjährigen Kolleg*innen, mit denen man sich gut verstanden hat, plötzlich im persönlichen Kontakt spürbar wird. Keine Begrüßung mehr, du wirst ignoriert, bis hin zu üblen Beschimpfungen, bei denen andere vertraute KollegInnen wortlos daneben stehen. Das alles hat tiefe Wunden in die Belegschaft gerissen, die auch anderthalb Jahre danach immer noch nicht verheilt sind.
Jan: Im Zuge der Auseinandersetzung ist deutlich geworden, dass man es mit einem Gegner zu tun hatte, der an einer Beilegung des Konfliktes keinerlei Interesse hatte und ihn im Gegenteil sogar verschärft hat. Das muss man immer wieder diskutieren und versuchen, darauf eine Antwort zu finden. Ganz wichtig ist im Zuge dessen natürlich auch die Solidarität, die von außerhalb des Betriebs kommt.
Terminhinweis: Die nächste Lesung aus „Streik doch einfach mit!“, im Wesentlichen vom Aktivenkreis Bundesanzeiger erfasst und im VSA-Verlag erschienen, findet am 8. Oktober im Club Voltaire in Frankfurt am Main statt.