aib-web.de: In Eurem Buch geht es um mehr als Geld, nämlich um „Demokratie im Betrieb“: Was bedeutet das konkret – und wo seht Ihr aktuell die größten Defizite?
Gerhard Treinen: Der Erfolg verfassungsfeindlicher Parteien wie der AfD geht meiner Einschätzung nach nicht auf den Willen vieler Menschen zurück, unsere Demokratie zerstören zu wollen, sondern auf das Gefühl, in diesem Land nicht mehr wahrgenommen zu werden. Und ein Teil ihrer Wähler*innen versucht sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit durch die Unterstützung dieser Extremisten zurückzuholen: „Seht her, meine Wahlentscheidung lässt die da oben mal ordentlich Zittern.“
Ich will hier nicht über die grundsätzlichen Fehleinschätzungen sprechen. Ich glaube aber, dass man die eigene Wirksamkeit am besten in der unmittelbaren persönlichen Umgebung erfahren kann. Dazu gehört auch die betriebliche Arbeit. Dabei kann jede und jeder die Erfahrung machen, mit Solidarität und den Möglichkeiten der Meinungs- und Koalitionsfreiheit, die uns das Grundgesetz einräumt, Einfluss auf die eigenen Lebensumstände auszuüben. Diese individuelle Wirksamkeit manifestiert sich in letzter Konsequenz in jedem Tarifvertrag.
Ein Tarifvertrag war auch das Hauptziel Eures Streiks beim Bundesanzeiger Verlag. Die Geschäftsleitung hat sich mit allen Mitteln dagegen gewehrt, letztlich erfolgreich.
Gerhard: Wird die Tarifbindung weiter zurückgedrängt, wirkt dies unmittelbar auf das Gefühl, in diesem Land nicht mehr wahrgenommen zu werden. Jede Tarifauseinandersetzung ist somit auch ein Kampf um den Erhalt der Demokratie. Es kommt dabei nicht darauf an, wer am Ende wie viel gewonnen hat, sondern darauf, dass man dieses Recht ausüben konnte und eine Einigung erzielt wurde. Wer einen Tarifvertrag mit unlauteren oder sogar ungesetzlichen Mitteln verhindert, zerstört die Gewissheit, dass diese Spielregeln funktionieren, und greift damit letztlich das Fundament unserer Demokratie an.
Jan Schulze-Husmann: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die Stärkung der Tarifbindung wird nicht durch Sonntagsreden der Politiker*innen erreicht, sondern nur durch politischen Druck auf die Verantwortlichen zum Beispiel in den Großkonzernen. Gerade in der Druck- und Medienbranche ist Tarifflucht seit Jahren Normalität. Das ist beim Kampf der Kolleg*innen vom Bundesanzeiger noch einmal deutlich geworden. Auch Verstöße gegen das Betriebsverfassungsgesetz oder die Drangsalierung von Betriebsrät*innen müssen endlich schärfer sanktioniert werden.