„Schönfärberisch für Aufgabenzuwächse"
Übernehmen Beschäftigte stillschweigend zusätzliche Arbeitsaufgaben, ist häufig von „Quiet Hiring“ die Rede. Die Arbeitssoziologin Stefanie Hürtgen erklärt im Interview, was genau hinter der Bezeichnung steckt.
Übernehmen Beschäftigte stillschweigend zusätzliche Arbeitsaufgaben, ist häufig von „Quiet Hiring“ die Rede. Die Arbeitssoziologin Stefanie Hürtgen erklärt im Interview, was genau hinter der Bezeichnung steckt.

aib-web.de: „Quiet Hiring“ wird oft als Win-win-Situation für Beschäftigte und Unternehmen dargestellt. Beschäftigte bekämen neue Aufgaben. Sie könnten persönlich wachsen und neue Rollen und Verantwortlichkeiten übernehmen. Das wiederum erhöhe die Flexibilität des Personalmanagements. Stimmt das?
Stefanie Hürtgen: Das mag im Einzelfall sein. Richtig ist: Das Personalmanagement gewinnt an Flexibilität und die Unternehmen profitieren. Ich sehe den Begriff kritisch. Es ist kein Zufall, dass er nicht aus der Wissenschaft kommt, sondern aus dem Personalmanagement. Weder die Arbeitssoziologie noch die Arbeitspsychologie haben sich damit befasst. Sehr wohl haben sie sich aber mit den Phänomenen der Arbeitsüberlastung und Arbeitsverdichtung beschäftigt, die dahinterstecken. Der Begriff vernebelt und verdeckt mehr, als dass er aufklärt.
Was meinen Sie damit?
Stefanie Hürtgen: Hier wurde ein Begriff erfunden, der nach Wohlbefinden für die Beschäftigten klingt. Das Gegenteil ist der Fall. Seit 20 bis 30 Jahren verändert sich die Arbeit. Sie wird mehr, dichter, schneller. Ich mache das an vier Kategorien fest.
Legen Sie los.
Stefanie Hürtgen: An erster Stelle stehen für mich Digitalisierung und Dokumentation. Seit den 1990er-Jahren sollen Beschäftigte ihre Tätigkeiten dokumentieren. Erst auf Papier, zunehmend auch mit Apps. Das ist in vielen Branchen üblich, in der Pflege ebenso wie in der Industrie. Aufgaben, die zuvor andere erledigt haben, landen nun bei den Beschäftigten am Fließband und am Pflegebett. Sie beklagen, dass ihnen diese Dokumentation Zeit für ihre eigentliche Arbeit raubt. Diese Aufgabenzuwächse, die wir auch vom Bürgeramt, der Bank und aus dem Supermarkt kennen, sind nirgendwo erfasst.
Stimmt, wir sind inzwischen daran gewöhnt. Welche stillen Zuwächse haben Sie noch identifiziert?
Stefanie Hürtgen: Universitäten, Kliniken, Kindertagesstätten, Unternehmen sollen sich attraktiv präsentieren und für sich werben. Zum Beispiel mit einem Internetauftritt und Präsenz in sozialen Medien. Besondere Angebote wie Robotik in der Klinik oder Sprachförderung in der Kita sollen als sogenannte Alleinstellungsmerkmale sichtbar werden. Die Personen, die damit betraut werden, posten, tweeten, schreiben, verlinken, bekommen aber selten zusätzliche Ressourcen. Einrichtungen sollen sich stärker selbst vermarkten.
Sie nennen außerdem Arbeitsverdichtung und Beschleunigung.
Stefanie Hürtgen: In meiner Forschung zu Elektromobilität und Batterieproduktion habe ich bei den Beschäftigten am Band ein ungeheures Tempo festgestellt. Früher hatten sie einen Takt von 120 Sekunden, heute von 60 Sekunden und weniger. Der Takt hat sich halbiert. Neben der Beschleunigung ist auch eine Arbeitsverdichtung zu beobachten. Da bleibt keine Zeit, um kurz die Schulter zu bewegen oder den Blick schweifen zu lassen. Jede Sekunde der Arbeitszeit ist dem Primat der Wertschöpfung unterworfen. Das meine ich wörtlich. Jede Sekunde soll Geld bringen. Das kennen auch Belegschaften aus anderen Branchen.
Fehlt noch die Personalpolitik.
Stefanie Hürtgen: Das Management nennt sie schlanke Personalpolitik, wir kritischen Arbeitsforscher*innen sagen Nullpuffer-Produktion dazu. Seit den 1990er-Jahren halten Unternehmen keinen Personalpuffer mehr für Krankheit, Urlaub oder Fortbildung vor. Kommt es zu Störungen und Verzögerungen, müssen Beschäftigte dort einspringen, wo jemand fehlt. Selbst aus der Instandhaltung wechseln sie ins Lager, was Betroffene als Herabstufung empfinden. Inzwischen ist es auch üblich, dass Busfahrer*innen ihren Bus selbst reinigen, Flugbegleiter*innen ihre Waren durchs Flugzeug schieben und Beschäftigte ihre Reisen abrechnen. Alles zusätzlich zur eigentlichen Tätigkeit.
Wie lautet Ihr Fazit?
„Quiet Hiring“ ist ein schönfärberischer Begriff für Aufgabenzuwächse, die nicht offiziell vereinbart sind, nicht zusätzlich vergütet werden und unter Umgehung des Betriebs- und Personalrats stattfinden. Fragt man Betriebsräte, an welches Problem sie als erstes bei den Beschäftigten denken, lautet die Antwort: Erschöpfung. Vielleicht reicht die Energie am Feierabend noch für eine Runde Joggen. Aber nicht mehr, um sich im Betrieb für bessere Arbeit einzusetzen. Ich bin unbedingt dafür, diese Folgen einer flexiblen, „schlanken“, auf Kante genähten Personalpolitik klar zu benennen. „Quiet Hiring“ heißt: mehr Arbeit ohne Entlastung, ohne Vergütung, ohne Mitbestimmung.