Arbeitsunfähigkeit

Soziale Absicherung hat Einfluss auf Präsentismus

Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Das sollten auch Menschen beherzigen, die krank zur Arbeit gehen. Doch das Phänomen Präsentismus wird nicht nur von persönlichen Entscheidungen geprägt – faire Entgeltfortzahlung kann es durchaus eindämmen. 

Eine europaweite Studie zeigt: Großzügigere gesetzliche Regelungen zur Lohnfortzahlung gehen mit weniger Präsentismus einher. Ein Forschungsteam um den Soziologen Prof. Dr. Marvin Reuter der Otto-Friedrich-Universität Bamberg hat diesen Zusammenhang untersucht, dabei Daten von knapp 20.000 Beschäftigten aus 35 europäischen Ländern analysiert und mit den jeweiligen nationalen Regelungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verknüpft. 

Lohnfortzahlung als Faktor für Präsentismus

Beschäftigte in Ländern mit großzügiger Lohnfortzahlung (ab dem ersten Krankheitstag mindestens 80 Prozent des Lohns für mindestens zwei Wochen) arbeiten seltener, wenn sie krank sind – die Zahl der Krankheitstage ist dort im Schnitt acht Prozentpunkte niedriger als in Ländern mit weniger arbeitnehmerfreundlichen Regelungen. 

Auch im Länderverglich zeigen sich deutliche Unterschiede: Beschäftigte in Deutschland arbeiten an etwa jedem fünften Krankheitstag. In Spanien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich liegt der Anteil bei über 55 Prozent, was die Forschenden auch auf die strengeren Vorschriften bei der Lohnfortzahlung zurückführen, da die Betroffenen finanzielle Einbußen hinnehmen müssen, wenn sie trotz einer Erkrankung nicht arbeiten. 

Besonders deutlich zeigt sich laut Reuter der Zusammenhang bei älteren Beschäftigten, Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten sowie Beschäftigten in ungelernten Tätigkeiten – also offensichtlich bei Personengruppen, bei denen das Thema Finanzen aufgrund persönlicher Umstände einen höheren Stellenwert einnimmt. 

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Die Ergebnisse sollten Anlass sein, nicht nur über Fehlzeiten zu diskutieren, wenn die Frage der Entgeltfortzahlung in den Fokus gesellschaftlicher und politischer Debatten rückt, sondern auch über Folgeerscheinungen wie Präsentismus. Denn jeder Beschäftigte, der sich aus finanziellen Zwängen heraus genötigt fühlt, krank zu arbeiten, setzt die eigene Gesundheit und die der Kolleginnen und Kollegen aufs Spiel und kann durch krankheitsbedingte Minderleistungen das Schadensrisiko für den Arbeitgeber erhöhen: Gefahren, die über fehlzeitenbedingte Kostenrisiken weit hinausgehen.

Autor des Artikels

Autorenbild Mirko Stepan

Mirko Stepan

Mirko Stepan, Jahrgang 1979, ist Jurist und Journalist und seit Anfang 2025 fest angestellt beim Bund-Verlag und Redakteur im AiB-Team. Davor war er fast 15 Jahre als freier Journalist tätig und drei Jahre als Pressesprecher einer hessischen Kommune. Die meiste Zeit haben ihn die AiB und der Bund-Verlag beruflich begleitet, wenn er nicht gerade als Lokalreporter unterwegs war oder über Technik und so ziemlich alles mit zwei, drei oder vier Rädern geschrieben hat.

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