Interview

„Ich plädiere für eine kürzere Vollzeit“ – Warum Deutschland anders arbeiten muss

Dr. Angelika Kümmerling erklärt, was der aktuelle IAQ-Arbeitszeitmonitor über Erwerbs- und Arbeitszeiten zeigt und warum sie kürzere Vollzeit statt längerer Arbeitstage fordert.

Müssen wir mehr arbeiten? Dr. Angelika Kümmerling ordnet die Ergebnisse des IAQ-Arbeitszeitmonitors ein und erklärt, warum kürzere Vollzeit, eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit und bessere Rahmenbedingungen entscheidend für die Zukunft der Arbeitswelt sind.

Frau Dr. Kümmerling, der Finanzminister sagt, wir müssten mehr arbeiten, und aus der CDU kommt der Vorwurf der „Lifestyle-Teilzeit“. Arbeiten die Menschen in Deutschland zu wenig?

Dr. Angelika Kümmerling: Nein, im Gegenteil. Es kommt aber darauf an, was man betrachtet: Bei der reinen Erwerbstätigkeit bekommen wir andere Antworten als bei der reinen Arbeitszeit. Die Erwerbstätigkeit ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während die Arbeitszeiten insgesamt leicht rückläufig sind. Spannend wird es, wenn wir beide Ergebnisse gemeinsam betrachten, denn dann erkennen wir, dass gesamtgesellschaftlich noch nie so viel gearbeitet wurde wie im untersuchten Zeitraum.

Das ist doch positiv, oder?

Wirtschaftlich betrachtet, ja. Aber je mehr wir als Gesellschaft arbeiten, umso weniger Zeit bleibt für alles andere. Damit meine ich nicht nur die Care- und Hausarbeit, sondern auch Quality-Time mit Familie und Freunden, das Ehrenamt, den Erhalt unserer Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe, die übrigens auch für den Erhalt unserer Demokratie wichtig ist.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund von der Forderung, die tägliche Höchstarbeitszeit von 8 Stunden durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden zu ersetzen

Nichts. Eine Ausweitung der Tageshöchstarbeitszeit halte ich nicht nur für unrealistisch, sondern für kontraproduktiv. Sie hat negative Folgen auf allen Ebenen: für unsere Gesundheit, den Schlaf, die Erholung. Wir sind weniger leistungsfähig, und das Unfallrisiko steigt – das zeigt die aktuelle Studienlage sehr gut. Ich plädiere stattdessen sogar für eine Verringerung der Vollzeitstandards von aktuell 40 Stunden, auch wenn diese Meinung aktuell nicht beliebt ist.

Eine Ausweitung der Tageshöchstarbeitszeit halte ich nicht nur für unrealistisch, sondern für kontraproduktiv.

Dr. Angelika Kümmerling

Warum brauchen wir eine Verringerung der Arbeitszeit?

Unsere Gesellschaft baut darauf auf, dass ein Elternteil als Ernährer der Familie das Geld verdient und der andere Part, meist die Frau, sich um alles andere kümmert und vielleicht noch in Teilzeit arbeitet. Dieses Modell geht heute an der Lebensrealität der Familien vorbei. Und die Frage ist doch: Wie soll es funktionieren, dass beide Elternteile Vollzeit, also 40 Stunden in der Woche, arbeiten? Ein kürzerer Vollzeitstandard könnte dazu beitragen, bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen und auch Probleme wie die Altersarmut unter Frauen zu verringern.

Deutschland liegt bei der Wochenarbeitszeit von Frauen auf dem vorletzten Platz der EU, bei der Erwerbstätigenquote aber unter den ersten fünf. Was sagt die Arbeitszeit allein aus?

Wenig. Länder mit sehr langen Arbeitszeiten von Frauen haben oft eine niedrige Erwerbstätigenquote. In Rumänien arbeiten Frauen im Schnitt 39,8 Stunden, aber nur 54,9 Prozent sind erwerbstätig. In den Niederlanden sind es nur 28,7 Stunden, dafür sind 75,2 Prozent erwerbstätig. Deshalb lohnt sich zusätzlich der Blick auf das Arbeitsvolumen pro Kopf, also Erwerbstätigenquote mal Arbeitszeit, die beide Kennziffern verbindet. Auch da liegt der Wert bei den Frauen in Deutschland unter dem EU-Durchschnitt von 24,7 Stunden.

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Wie sieht es in Ländern aus, in denen das besser gelingt?

Nehmen wir Schweden und Litauen. Dort spielt die Lebensphase kaum oder nur eine vorübergehende Rolle für das Arbeitsvolumen von Frauen. In Litauen unterscheidet sich das Volumen von Frauen mit Kindern zwischen 13 und 17 Jahren fast nicht mehr von dem der Männer. In Deutschland und Italien öffnet sich die Lücke dagegen in den sorgeintensiven Phasen und bleibt danach bestehen. Das hängt mit Rahmenbedingungen wie Betreuungsangeboten und Steuerregeln zusammen, aber auch mit Rollenbildern. Einzelne Maßnahmen lassen sich allerdings nicht einfach übertragen.

Der Arbeitszeitmonitor zeigt, dass Frauen heute mehr und Männer etwas weniger als noch im Jahr 2012 arbeiten. Da Männer ihre Arbeitszeit in allen Lebensphasen ähnlich reduzieren, nutzen sie die gewonnene Zeit offenbar nicht gezielt für Sorgearbeit. Stimmt das?

Ich würde es so formulieren: Auch die Teilzeitquote der Männer ist in den letzten Jahren gestiegen, aber Männer reduzieren ihre Arbeitszeit – auch wenn sie Väter sind – deutlich seltener als Frauen aufgrund der Übernahme von Care-Arbeit. Frauen arbeiten jetzt häufiger und durchschnittlich länger als in früheren Jahren und – wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen – übernehmen sie trotzdem mehr Care-Arbeit.

Sie nennen strukturelle Ursachen für die begrenzten Arbeitszeiten von Frauen, darunter die ungleiche Verteilung unbezahlter Sorgearbeit, unzureichende Betreuungsangebote und auch steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting.

Das Ehegattensplitting muss abgeschafft werden

Dr. Angelika Kümmerling

Die Betreuungsangebote für Kinder müssen ausgebaut werden, dabei verlässlicher und qualitativ hochwertiger werden. Das gilt auch für die Pflege. Und dann muss das Ehegattensplitting abgeschafft werden. Für eine gendergerechte Verteilung von Verantwortung, auch finanzieller Verantwortung, müssen Frauen und Männer die gleichen gesellschaftlichen Bedingungen haben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir sogenannte Frauenberufe finanziell aufwerten. Denn wenn wir eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen, und alles andere können wir uns schlicht nicht mehr leisten, dann müssen typische Frauen- und typische Männerberufe ähnlich bezahlt werden. Nur dann gibt es den Anreiz, die Last aus Erwerbs- und Care-Arbeit tatsächlich gerecht zu verteilen.


Die Arbeitszeiten Vollzeitbeschäftigter sinken, die von Teilzeitbeschäftigten steigen. Heißt das, dass der Einzelne nicht mehr arbeitet als früher, es aber mehr Menschen tun?


Nein, das hat nichts mit den Arbeitszeiten zu tun. Das sind einfach statistische Größen – im Durchschnitt arbeiten Vollzeitbeschäftigte etwas weniger in der Woche und Teilzeitbeschäftigte mehr.

Zur Person

Dr. Angelika Kümmerling, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Forschungsschwerpunkt „Arbeitszeit und Arbeitsorganisation“, Uni Duisburg

Quelle

Lebensphasen sind für die Erwerbsbeteiligung von Frauen weiterhin entscheidend – aber nicht überall: Ein Blick über den deutschen Tellerrand. Der IAQ-Arbeitszeitmonitor 2026

Autorin des Artikels

Bettina Wolf Autorenbild

Bettina Wolf

Bettina Wolf ist seit September 2026 Teil des AIB-Teams. Als langjährige Print- und Online-Redakteurin für Magazine, Tageszeitungen und News-Portale hat sich die auf Familienthemen spezialisierte Journalistin schon früh mit Arbeitswelt und Mitbestimmung befasst – unter anderem als Betriebsrätin, wo sie die Themen der AIB aus erster Hand in der Praxis kennengelernt hat. Nach Stationen in Neuseeland, New York und Weinheim lebt sie heute wieder in Heidelberg. Wenn sie nicht gerade schreibt oder recherchiert, ist die zweifache Mutter und begeisterte Gen-Z-Kennerin auch als Vormund für unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche im Rhein-Neckar-Kreis im Einsatz.

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