Studie

Geringqualifizierte und Frauen könnten den KI-Anschluss verlieren

Vor allem Geringqualifizierte und Frauen nutzen KI im Arbeitsalltag seltener und sind ihr gegenüber kritischer eingestellt. Das bringt ihnen Nachteile ein – nicht nur aus technologischen, sondern auch aus systemischen Gründen. Nötig wären breit angelegte KI-Schulungen.

„Der Fortschritt ist eine Schnecke“, schrieb Günter Grass einst. Was die berufliche Nutzung von KI in Deutschland betrifft, scheint das einer aktuellen Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge zuzutreffen: 67 Prozent der Beschäftigten hatten zumindest bis 2025 noch wenig bis keine Erfahrungen mit KI-Anwendungen im Arbeitskontext gesammelt. Der Durchschnittswert ist überraschend hoch, noch wichtiger sind jedoch die Detailergebnisse. Denn die Forscherinnen stießen auf erhebliche Unterschiede der Nutzung in verschiedenen Berufs- und Bevölkerungsgruppen. Frauen und Geringqualifizierte drohen so auf mehrfache Weise ins Hintertreffen zu geraten.

Für ihre Studie analysierten Rebecca Scheffauer und Sabine Zinn vom DIW Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Langzeitstudie, aus dem vergangenen Jahr. Lediglich 12,1 Prozent der insgesamt 3439 Befragten gaben an, KI bisher viel oder sehr viel im beruflichen Kontext genutzt zu haben. „Insbesondere jüngere, besser gebildete und männliche Beschäftigte sowie Personen in stark digitalisierten Berufen kannten und nutzten KI häufiger als andere Beschäftigte“, schreiben die Autorinnen.

Es liegt auf der Hand, dass die Möglichkeiten eines KI-Einsatzes etwa bei wissensintensiven Tätigkeiten in der Regel größer sind als beispielsweise bei vielen körperlichen Tätigkeiten. Diese Unterschiede können jedoch auch bestehende soziale Ungleichheiten verstärken. Das wird deutlich, wenn man ein weiteres Ergebnis der Studie betrachtet: Vor allem Niedriggebildete und Frauen beabsichtigen der Umfrage zufolge auch künftig nur selten, KI zu nutzen. So gaben beispielsweise 77,9 Prozent der Befragten ohne Schulabschluss an, KI wenig oder gar nicht einsetzen zu wollen. Bei Personen mit Hochschulabschluss waren es „nur“ 42 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den Frauen. Sie waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht so vertraut mit KI-Anwendungen wie die Männer, sie nutzten sie weniger häufig und sie beabsichtigten auch für die Zukunft seltener, sie einzusetzen.

KI: Worauf Betriebsräte achten sollten

Welche Mitbestimmungsrechte Betriebsräte beim Einsatz von KI haben, haben wir im Beitrag „Es geht nicht nur um Leistungs- und Verhaltenskontrolle“ zusammengefasst. Darüber hinaus hat der Digitalverband Bitkom einen Leitfaden „KI und Mitbestimmung“ veröffentlicht, der hier heruntergeladen werden kann. Die Mitbestimmung in technischen und (datenschutz-)rechtlichen Fragen ist ohne Zweifel wichtig. Die Studienergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass auch sogenannte weiche Faktoren eine wichtige Rolle bei der KI-Nutzung im beruflichen Umfeld spielen.

Betriebsratsarbeit und KI

Karo - Die KI für Mitbestimmung Banner

Ein sich selbst verstärkendes System

Sind diese Voraussetzungen ohnehin schon geeignet, die digitale Kluft zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu vertiefen, weisen die Wissenschaftlerinnen auf eine weitere mögliche negative Folge hin: Frauen kämen in den Daten, mit denen KI-Systeme trainiert werden, häufig nicht ausreichend vor. Wenn KI überwiegend von Männern genutzt werde und dabei neue Daten entstehen, die wiederum in die Weiterentwicklung der Systeme einfließen, bestehe die Gefahr, dass sich dieses Ungleichgewicht weiter verfestige. KI könnte sich in der Folge stärker auf die Bedürfnisse und Nutzungsmuster von Männern ausrichten, während die Perspektiven von Frauen weniger einbezogen würden. „Auch angesichts der entstehenden potenziellen Produktivitätsgewinne für Männer drohen Frauen durch KI abgehängt zu werden“, mahnen Rebecca Scheffauer und Sabine Zinn.

Beschäftigte in weniger digitalisierten Berufen drohen ebenfalls, den KI-Anschluss zu verlieren – und mehr: Sie haben bislang weniger Berührungspunkte mit KI, könnten von ihren Auswirkungen aber besonders stark betroffen sein. Die Autorinnen führen als Beispiel die Landwirtschaft an, wo manuelle Routineaufgaben oder das Bedienen spezieller Maschinen zunehmend automatisiert oder durch Roboter ersetzt würden.

Was tun? Die Forscherinnen betonen, dass die Verantwortung für die Anpassung nicht allein bei den Beschäftigten liegen darf. Es brauche vielmehr breit zugängliche Weiterbildungsangebote, die digitale und KI-bezogene Kompetenzen insbesondere auch jenen Beschäftigten vermitteln, die bislang wenig Erfahrung damit haben. Darüber hinaus müssten Qualifizierungsangebote auf die unterschiedlichen Anforderungen der Berufe und Tätigkeiten zugeschnitten sein. Ein weiterer wichtiger Faktor sei nicht nur die Fähigkeit zur Bedienung von KI-Anwendungen, sondern auch die, ihre Möglichkeiten und Grenzen kritisch einschätzen zu können. Ob KI langfristig zu mehr Produktivität, besseren Arbeitsbedingungen und breiterer gesellschaftlicher Teilhabe beitrage, hänge folglich nicht nur von der technologischen Entwicklung ab: „Entscheidend ist, wie Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen diesen Wandel gestalten und dafür sorgen, dass möglichst viele Beschäftigte von den Chancen der KI profitieren können.“

Quelle

Studie „KI-Nutzung am Arbeitsplatz noch eher gering“, DIW-Wochenbericht 45/2026

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

AiB Audio