Sind diese Voraussetzungen ohnehin schon geeignet, die digitale Kluft zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu vertiefen, weisen die Wissenschaftlerinnen auf eine weitere mögliche negative Folge hin: Frauen kämen in den Daten, mit denen KI-Systeme trainiert werden, häufig nicht ausreichend vor. Wenn KI überwiegend von Männern genutzt werde und dabei neue Daten entstehen, die wiederum in die Weiterentwicklung der Systeme einfließen, bestehe die Gefahr, dass sich dieses Ungleichgewicht weiter verfestige. KI könnte sich in der Folge stärker auf die Bedürfnisse und Nutzungsmuster von Männern ausrichten, während die Perspektiven von Frauen weniger einbezogen würden. „Auch angesichts der entstehenden potenziellen Produktivitätsgewinne für Männer drohen Frauen durch KI abgehängt zu werden“, mahnen Rebecca Scheffauer und Sabine Zinn.
Beschäftigte in weniger digitalisierten Berufen drohen ebenfalls, den KI-Anschluss zu verlieren – und mehr: Sie haben bislang weniger Berührungspunkte mit KI, könnten von ihren Auswirkungen aber besonders stark betroffen sein. Die Autorinnen führen als Beispiel die Landwirtschaft an, wo manuelle Routineaufgaben oder das Bedienen spezieller Maschinen zunehmend automatisiert oder durch Roboter ersetzt würden.
Was tun? Die Forscherinnen betonen, dass die Verantwortung für die Anpassung nicht allein bei den Beschäftigten liegen darf. Es brauche vielmehr breit zugängliche Weiterbildungsangebote, die digitale und KI-bezogene Kompetenzen insbesondere auch jenen Beschäftigten vermitteln, die bislang wenig Erfahrung damit haben. Darüber hinaus müssten Qualifizierungsangebote auf die unterschiedlichen Anforderungen der Berufe und Tätigkeiten zugeschnitten sein. Ein weiterer wichtiger Faktor sei nicht nur die Fähigkeit zur Bedienung von KI-Anwendungen, sondern auch die, ihre Möglichkeiten und Grenzen kritisch einschätzen zu können. Ob KI langfristig zu mehr Produktivität, besseren Arbeitsbedingungen und breiterer gesellschaftlicher Teilhabe beitrage, hänge folglich nicht nur von der technologischen Entwicklung ab: „Entscheidend ist, wie Unternehmen, Politik und Bildungseinrichtungen diesen Wandel gestalten und dafür sorgen, dass möglichst viele Beschäftigte von den Chancen der KI profitieren können.“