Welchen Einfluss hat das Lob der Mitarbeitenden auf das Betriebklima?
Sabine Reimers: Mehr Lob führt nicht unbedingt zu einem besseren Betriebsklima. Eine Auswertung der BauA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Anm. d. Red.) aus dem Jahr 2016 zeigt zwar einen positiven und statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung, Fehlzeiten und Arbeitszufriedenheit, jedoch nicht durchgängig. Beschäftigte können häufig gelobt werden und gleichzeitig durch Personalmangel, ungerechte Entscheidungen oder chronische Überlastung beansprucht werden. Verbale Anerkennung kann eine schlechte Arbeitsgestaltung nicht kompensieren.
Inwieweit spielt auch das Lob von Arbeitskolleg*innen eine Rolle? Oder greifen positive Effekte hauptsächlich bei Lob durch die Führungskraft?
Kollegiale Anerkennung ist ebenfalls bedeutsam und sollte keinesfalls unterschätzt werden. Kolleg*innen erleben häufig unmittelbarer als Vorgesetzte, wie viel Wissen, Engagement und Aufwand jemand einbringt. Ihre Anerkennung kann deshalb besonders authentisch sein. Die Rückmeldungen von Führungskräften haben aufgrund ihrer formalen Rolle jedoch mehr Gewicht. Sie beeinflussen Aufgaben, Ressourcen, Leistungsbeurteilungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Positives Feedback aus dem Kollegenkreis kann deshalb Anerkennung durch die Führungskräfte nicht ersetzen.
Wenn Feedback seitens der Vorgesetzten nicht geäußert wird, können Beschäftigte dies aktiv einfordern. Wie kann das konkret aussehen und was sollten Beschäftigte beachten?
Sabine Reimers: Am wichtigsten ist es, Belastungen konkret zu benennen, Unterstützungsbedarf klar zu formulieren und gemeinsame Lösungen anzustreben. Fühlt sich ein Beschäftigter durch eine dauerhafte Aufgabenmenge gesundheitlich belastet, kann er sagen: „Die aktuelle Aufgabenmenge führt bei mir zu einer anhaltend hohen Belastung.“ Unterstützungsbedarf anzumelden, heißt zum Beispiel: „Ich brauche eine Entlastung und klarere Prioritäten.“ Gemeinsame Lösungen zu formulieren, fällt vielen besonders schwer. Mein Vorschlag dafür wäre etwas in der Art von „Lassen Sie uns festlegen, welche Aufgaben Vorrang haben und welche verschoben oder anders verteilt werden können“.
Besonders zu Beginn einer Beschäftigung könnte es vielen Beschäftigten schwer fallen, Lob aktiv einzufordern. Sind Lob und Anerkennung daher für neue Beschäftigte besonders wichtig?
Sabine Reimers: Gerade in den ersten Wochen und Monaten sind neue Beschäftigte mit vielen Fragen und Unsicherheiten konfrontiert. Sie möchten wissen, ob sie ihre Aufgaben richtig erledigen und den Erwartungen gerecht werden. Gleichzeitig müssen sie ihren Platz im Team finden: Passe ich hierher? Kann ich offen Fragen stellen? Wird mein Beitrag gesehen und geschätzt? Deshalb sind in der Anfangszeit zeitnahe positive Rückmeldungen, klare Erwartungen, erreichbare Ansprechpersonen und eine gute soziale Integration sehr wichtig. Lob hat für neue Beschäftigte also vorrangig eine Orientierungs- und Integrationsfunktion.
Inwiefern unterscheidet sich das von der Funktion, die Lob bei anderen Beschäftigten hat?
Sabine Reimers: Auch bei langjährigen Mitarbeitenden sollte Lob nicht zu kurz kommen: Fehlende Wertschätzung kann gerade nach langer Betriebszugehörigkeit als enttäuschend erlebt werden. Lob ist für diese Menschen eine Bestätigung und nachhaltige Anerkennung ihres Engagements.