Beschäftigungstrends & Arbeitsmodelle

Alphabetisierung: Das ABC im Arbeitsleben

Am 8. September findet alljährlich der „International Literacy Day“, der Weltalphabetisierungstag, statt. Der Aktionstag macht darauf aufmerksam, wie wichtig Alphabetisierung für den Einzelnen und für die Gesellschaft ist.  

Lesen und Schreiben zu können gilt als fundamentales Menschenrecht und schafft eine wichtige Grundlage für eine gebildete, gerechte, friedliche und nachhaltige Gesellschaft. Einmal im Jahr lenkt der Internationale Tag der Alphabetisierung (ILD) oder auch Weltalphabetisierungstag, dessen 60-jähriges Bestehen die UNESCO in diesem Jahr feiert, die Aufmerksamkeit auf diese Themenschwerpunkte. 

Trotz weltweiter Fortschritte im Bildungsbereich bestehen weiterhin große Herausforderungen. Im Jahr 2023 hatten vier von zehn Kindern keine grundlegenden Lesekenntnisse. Auch in Deutschland gibt es Verbesserungsbedarf: Rund 20 Prozent der Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren verfügen nur über geringe Lese- und Schreibkompetenzen. Das entspricht etwa 10,6 Millionen Menschen.

Was genau unter geringer Literalität zu verstehen ist und wie sich die Situation in Deutschland entwickelt hat, zeigen mehrere Studien. 

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Bedeutung für den Arbeitsmarkt

Geringe Literalität betrifft jedoch nicht nur den Bildungsbereich. Auch für die berufliche Teilhabe spielt sie eine wichtige Rolle. Forschende der Universität Hamburg veröffentlichten 2025 anlässlich des Weltalphabetisierungstages eine Sekundäranalyse, die sich mit der Bedeutung von Literalität für die Integration in den Arbeitsmarkt und für die Demokratie beschäftigte.

Die Ergebnisse zeigen: Die Arbeitsmarktbeteiligung gering literalisierter Erwachsener in Deutschland stagniert bei rund 60 Prozent. Gleichzeitig arbeiten rund 18 Prozent dieser Gruppe in einer unqualifizierten Tätigkeit. Bei höher literalisierten Beschäftigten liegt dieser Anteil dagegen lediglich bei drei Prozent.

Auch im Vergleich mit früheren Erhebungen zeigt sich eine Verschlechterung, erklärt Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg: „Um 2018 herum sah es schon einmal besser aus, da lagen die Werte laut LEO-Studie bei 67 Prozent, die der Gesamtbevölkerung bei 76 Prozent. Man muss also annehmen, dass die wirtschaftlichen Folgen von Pandemie, Ukraine-Krieg und Klimakrise besonders die Schwächsten treffen.“

Was bedeutet geringe Literalität im Arbeitsalltag?

Welche konkreten Schwierigkeiten gering literalisierte Menschen im Berufsleben haben, lässt sich allerdings nicht pauschal beantworten. Hürden stellen sich bereits bei der Bewerbung, wenn zum Beispiel Anschreiben ganz fehlen oder nicht zur Stellenausschreibung passen. Auch Arbeitsverträge können von Betroffenen nicht vollständig verstanden und gelesen werden und werden dennoch unterschrieben. Das führt häufig zu fehlendem Wissen über die eigenen Rechte. Anke Grotlüschen nennt Beispiele für Probleme, mit denen gering literaliserte Menschen konfrontiert werden und die sie nicht ohne weiteres alleine lösen könnten: „Muss ich bei Hitze um 6:00 Uhr anfangen, damit ich nicht über die heißen Mittagsstunden arbeite? Wie viel Ausgleich steht mir zu, wenn ich an Feiertagen für den Betrieb im Winterdienst Schnee geschippt habe?“. Vielen bleibt dann nichts anderes übrig, als sich auf die Auskunft von Kolleginnen und Kollegen zu verlassen. Besonders wenn Schreibarbeiten nicht gefördert werden, kann das zur weiteren Verschlechterung der Kompetenzen führen.

Künstliche Intelligenz als Assistenz?

KI kann hier sowohl unterstützen als auch einige Schwierigkeiten mit sich bringen: Automatische Übersetzerfunktionen und Chatbots können Betroffenen helfen, an die benötigten Informationen zu gelangen. Auch im Bewerbungsprozess kann eine KI mit zum Beispiel einem Bewerbungsentwurf hilfreich sein. Andererseits sei es für gering literalisierte Menschen schwieriger, KI-Systeme zu hinterfragen und Quellen zu überprüfen, meint Grotlüschen.

Zudem ist die Gruppe der Betroffenen sehr heterogen. Während manche Menschen Texte zwar korrekt, aber sehr langsam lesen, lesen andere zu schnell und machen dadurch mehr Flüchtigkeitsfehler. Dazu kommt die Mehrsprachigkeit, welche man laut Grotlüschen auch als gute Ressource nutzen sollte. Um Arbeitssuchende mit geringer Literalität Zugang zum Arbeitsmarkt zu schaffen, sei es wichtig die Grundbildung zu fördern. Wenn das funktioniere, könnte man durch die Integration der Betroffenen auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken, so Grotüschen. Schließlich gehe es um mehr als zehn Millionen Menschen, die durch bessere Bildung auch andere Jobs übernehmen könnten. 

Autorin des Artikels

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Eva Seip

Eva Seip studiert Sprach- und Medienwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und arbeitet als Werkstudentin in der AiB-Redaktion. Ihr Interesse gilt vor allem Themen an der Schnittstelle von Kommunikation, Sprache und gesellschaftlichem Wandel.

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