Geschichte der Arbeiterbewegung

Revolutionär von der anderen Seite

1850 führte Carl Degenkolb gemeinsam mit weiteren Textilunternehmern sogenannte Fabrikausschüsse ein. Sie gelten als Vorläufer heutiger Betriebsräte. Teil zwei unserer Serie über soziale Vorkämpfer*innen.

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Arbeiten in den 1840er-Jahren bedeutete für viele Beschäftigte einen Kampf ums Überleben. Als Konsequenz der industriellen Revolution und des daraus folgende Wandels von der Manufaktur hin zur Fabrikarbeit gehörte Leid in den Arbeiterschaften zu deren Alltag.

Carl Degenkolb, 1796 im sächsischen Plauen geboren, war ein Fabrikbesitzer und damit auf dem Papier ein Inbegriff dieser Epoche der Industrialisierung und des rohen Kapitalismus. Tatsächlich war es anders: Sein Einsatz für die Arbeiterschaft wirkt bis heute. Nachdem er sich in der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche (im Bild die sogenannte Casinofraktion: Degenkolb steht als insgesamt 3. v. r. in der mittleren Reihe und trägt Kinnbart) nicht mit der Idee der Einführung von Arbeiterausschüssen hatte durchsetzen können, führte er sie 1850 kurzerhand in seiner eigenen Fabrik ein. Es sind die Vorläufer der heutigen Betriebsräte.

1830 hatte Carl Degenkolb die Kattundruckerei Bodemer & Co. in Eilenburg übernommen. Kattun leitet sich von „Cotton“, also Baumwolle ab. Den Druck auf Baumwollgewebe bezeichnet man als Kattundruck. Degenkolb war ein einflussreicher Geschäftsmann, der sich bereits im Stadtparlament politisch engagierte, an der Spitze des Eilenburger Gewerberates stand und sein Unternehmen erfolgreich führte. Sein Aufstieg war mit dem Einsatz maschineller Arbeitsweisen verbunden, die vielerorts zu großen sozialen Verwerfungen führten. 

Eine Bäckerei für die Arbeiter*innen

So auch in Eilenburg: „Degenkolb hatte sich während der vierziger Jahre mit allen wichtigen sozialen Problemen seiner Zeit praktisch und in nächster Nähe auseinandergesetzt – der Kinderarbeit, der mangelnden Schul- und Berufsausbildung, dem Steuerwesen, der ungenügend geregelten Kranken- und Altersversorgung, dem Heimarbeiterelend und der strukturellen Arbeitslosigkeit des Handwerks“, schreibt der Historiker Hans Jürgen Teuteberg in „Geschichte der industriellen Mitbestimmung in Deutschland“. Und Degenkolb sah weiter als andere. Ihm war klar, dass alte Handwerks- und Zunftregeln nicht mehr der Lebenswelt der Fabrikarbeiter*innen entsprachen.

Wie wichtig ihm das Thema war, zeigt ein Diskurs mit dem Arzt und Sozialreformer Anton Bernhardi im Jahr 1847: Dieser war ein strikter Gegner der maschinellen Produktionsweise, nicht zuletzt, weil er das Elend der arbeitenden Klassen bei seinen Krankenbesuchen aus nächster Nähe miterlebt hatte. Er forderte staatliche Mindestlöhne, die sich am aktuellen Brotpreis orientieren. Degenkolb war verärgert und versuchte, Bernhardi anhand von Zahlen und Daten zu überzeugen, dass es den Beschäftigten in den Fabriken besser gehe als Handwerkern und Tagelöhnern in der Landwirtschaft.

Und Degenkolb redete nicht nur, er machte. So kaufte er Getreide auf und ließ damit in einer eigenen Bäckerei Brot für seine Belegschaft backen. Er richtete ein Vorratslager ein, um die Arbeiter*innen auch bei Missernten versorgen zu können. Ohnehin kann man seine Taten und Forderungen als revolutionär bezeichnen, wenn man den Zeitpunkt berücksichtigt: Er setzte sich für die Einführung einer Einkommens- und Vermögenssteuer ein, wollte die Ärmsten von der Steuerpflicht ausnehmen, freien Schulunterricht für alle, und ein Verbot von Kinderarbeit – das in seinen eigenen Fabriken längst galt.

Fabrikausschüsse sollen Mitbestimmung sichern

Im Jahr 1848 wurde Degenkolb in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Im folgenden Jahr fanden dort auf seine Initiative hin Beratungen über sogenannte Fabrikausschüsse statt. Sie sollten in jeder Fabrik eingeführt werden, um die Ordnung im Inneren aufrechtzuerhalten, bei Streitigkeiten zu vermitteln und die Rechte der Arbeiterschaft wahrzunehmen. 

Dass der Antrag scheiterte, entmutigte ihn nicht. Er setzte die Idee im Kleinen um und einigte sich mit drei weiteren Textilunternehmern in Eilenburg auf die Schaffung einer Fabrikordnung. Das am 1. Juli 1850 unterschriebene Abkommen sah neben der Errichtung von Fabrikausschüssen in den einzelnen Fabriken auch einen gemeinsamen Fabrikrat der vier Unternehmen vor.

Die Fabrikausschüsse waren nicht perfekt. Doch Teuteberg hält ihre Nachteile für „unwesentlich angesichts der Tatsache, dass Degenkolb und die anderen drei Kattundruckereibesitzer von sich aus in so enge Tuchfühlung mit ihren Arbeitern traten und freiwillig auf eine Reihe von nicht ganz unwichtigen Unternehmerrechten verzichteten“. Entscheidend sei der neue Geist gewesen, der aus diesem Abkommen „hervorleuchtete“: der Gedanke einer Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Ein populäres Lied der Band Tocotronic heißt „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Auf Carl Degenkolb trifft dies auf doppelte Weise zu. Die Nationalversammlung in der Paulskirche 1848 gilt heute als Wiege der Demokratie in Deutschland, doch für die Schaffung parlamentarischer Strukturen hierzulande war es offensichtlich noch zu früh. Und Betriebsräte wurden erst am 4. Februar 1920 in der Weimarer Republik mit dem Betriebsrätegesetz rechtlich verankert.

Der erste Teil dieser Portrait-Serie befasst sich mit dem deutsch-amerikanischen Sozialrevolutionär August Spies.

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

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