Arbeitsorganisation

Geteilter Schreibtisch macht nicht glücklich

Das Technologieunternehmen Giesecke+Devrient hält in seiner Münchner Zentrale keine individuellen Arbeitsplätze mehr vor – Deskharing spart Fläche und Geld. Zugleich ruft es zu vermehrter Präsenzarbeit auf. Geht das zusammen? 

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Giesecke+Devrient hat es gemacht wie viele Unternehmen in den vergangenen Jahren. Das Technologieunternehmen hat die persönlichen Schreibtische in der Münchner Zentrale abgeschafft und Desksharing eingeführt: Mehrere Personen teilen sich einen Arbeitsplatz, einen festen Schreibtisch gibt es nicht mehr. Maximal jede*r zweite Beschäftigte findet einen Platz im Büro. 

In der Praxis mangelt es dennoch nicht an Raum. Viele Schreibtische sind an Montagen und vor allem an Freitagen verwaist. Laut einer Statistik, die dem Betriebsrat vorliegt, waren noch nie alle Büroarbeitsplätze ausgebucht. Das Unternehmen gab bereits Flächen auf und plant, auf weitere zu verzichten. Das spart Geld. Zugleich appelliert die Führung bei Belegschaftsversammlungen: Kommen Sie öfter ins Büro! Die Beschäftigten sehen darin einen Widerspruch: Einerseits verknappt Giesecke+Devrient die Flächen, andererseits sollen sie für eine bessere Zusammenarbeit und Unternehmenskultur häufiger in die Zentrale kommen. 

Giesecke+Devrient ist ein Gemeinschaftsbetrieb für Sicherheitstechnologie mit sieben Gesellschaften und drei Geschäftsbereichen: „Digitale Sicherheit“ kümmert sich um Ausweisdokumente, SIM- und eSIM-Karten, Internet der Dinge und eine sichere Kommunikation für Behörden, „Financial Platforms“ um Anwendungen von Geschäftsbanken und „Currency Technology“ um alles rund um den Banknotendruck für die Europäische Zentralbank und Nationalbanken. Weltweit beschäftigt das familiengeführte Unternehmen mehr als 14.000 Menschen, davon 2.500 in der Zentrale und noch mal so viele an anderen deutschen Standorten, darunter die Wertpapierdruckerei in Leipzig oder die Papierfabrik Louisental. 

Homeoffice bevorzugt – auch nach Corona

Das Desksharing ist – wie in vielen Unternehmen– die Folge der Corona-Pandemie. Damals wechselten die Bürobeschäftigten mit Laptop, Maus und Tastatur notgedrungen an den heimischen Schreibtisch. Etliche zogen sogar aus München weg, zum Teil bis nach Landshut oder ins über 350 Kilometer entfernte Aschaffenburg. Weil die Mieten bezahlbarer waren und sind oder die Eltern näher. Und wer mehrere Stunden pendelt, beschränkt Fahrten ins Büro auf das Nötigste. 

Auch nach der Pandemie arbeiten viele Beschäftigte häufig zu Hause. Wer ins Münchener Büro kommen möchte, bucht sich einen Platz über die App. Das geht maximal eine Woche im Voraus. Für zwei Tage, drei oder weniger. Die Betriebsvereinbarung – die für den gesamten Konzern gilt – verlangt lediglich ein ausgewogenes Verhältnis von Bürotagen und mobiler Arbeit, präzisere Vorgaben macht das Unternehmen nicht. „Die Entscheidung wird den Führungskräften überlassen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Claus Dietze. Solange die Unternehmenszahlen stimmen, wird das häufige Homeoffice akzeptiert. Manche Teams haben sich auf einen Wochentag verständigt, an dem sich alle persönlich treffen. 

So stabil, wie das alles kllingen mag, ist die Situation nicht. Noch vor Kurzem waren die Arbeitsplätze in sogenannte Homebases unterteilt, getrennt nach Bereichen und Abteilungen der einzelnen Gesellschaften. Das sollte mehr Zusammengehörigkeit und Produktivität in den Teams schaffen. Doch weil das zu Leerstand führte, änderte Giesecke+Devrient sein Konzept. Die Homebases werden nicht mehr pro Abteilung, sondern für die jeweilige Gesellschaft definiert. Beschäftigte buchen nun ihren Platz standortweit – und sitzen häufig zwischen Unbekannten. „Das führt dazu, dass man sich das nächste Mal eher fürs Homeoffice entscheidet“, mutmaßt Claus Dietze. 

Beliebt ist Desksharing selten

Seine Einschätzung deckt sich mit Ergebnissen aus der Konstanzer Homeoffice-Studie. Die Forscher*innen fragen seit März 2020 in regelmäßigen Abständen Beschäftigte. Ein Resultat: Mit Desksharing steige der Wunsch nach Homeoffice deutlich. Beschäftigte mit Desksharing wünschten sich im Durchschnitt 3,40 Homeoffice-Tage pro Woche, Beschäftigte mit festem Arbeitsplatz hingegen nur 2,59 Tage. Als besonders auffällig werteten die Forscher*innen, dass ein Drittel der Desksharing-Nutzenden komplett ins Homeoffice wechseln will. Ihnen fehlt genau das, was die Präsenz und Zusammenarbeit im Büro attraktiv machen sollte: Austausch, kreative Projektarbeit, Teammeetings und informelles Lernen.

Joseph Dubard, Beschäftigter bei Giesecke+Devrient, ist zwiegespalten. Einerseits schätzte er bei seinem früheren Arbeitgeber den festen Arbeitsplatz und die Nähe zu den Kolleg*innen. Andererseits will er nicht darauf verzichten, zu Hause zu arbeiten oder die 30 Tage pro Jahr im europäischen Ausland zu nutzen, die Giesecke+Devrient erlaubt. Dann wiederum macht Homeoffice auch Gewerkschaftsarbeit schwieriger, findet er. Wie soll man die Kolleg*innen erreichen? Wie mit ihnen diskutieren? 

Dubard bucht vor allem an seinen Sporttagen einen Büroarbeitsplatz. Das firmeneigene Fitnessstudio kann er nutzen, so oft er möchte. Die Gebühren dafür erstattet das Unternehmen allen tarifgebundenen Beschäftigten, ebenso den Mitgliedsbeitrag im eigenen Sportverein. Der ist ebenso auf dem Firmengelände wie der Schachclub. Das Unternehmen macht Angebote, damit die Beschäftigten wenigstens ab und an ins Büro kommen. Gute Idee, findet Dubard. Trotzdem ist er dafür, dass die Beschäftigten weiter selbst entscheiden, wo sie arbeiten möchten. 

 

Autorin des Artikels

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Michaela Böhm

Michaela Böhm recherchiert seit mehr als 30 Jahren als freie Print- und Hörfunkjournalistin über Löhne, Arbeitszeit, Tarifrunden, Betriebsratswahlen oder Gesundheitsschutz. Alles rund um Arbeit und betriebliche Mitbestimmung – am liebsten vor Ort in den Betrieben.

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