Arbeitszeit

Was die Arbeitszeitreform für Engagement und Familie bedeutet

Die Bundesregierung will die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden abschaffen und nur noch eine wöchentliche Obergrenze vorgeben. Eine neue Kurzstudie warnt: Das gefährdet nicht nur Gesundheit und Familienleben, sondern auch ehrenamtliches und politisches Engagement – und damit ein Stück Demokratie.

Statt der bisherigen täglichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden soll künftig nur noch eine wöchentliche Obergrenze gelten. Praktisch bedeutet das: Nach Abzug der gesetzlichen Mindestruhezeit von elf Stunden und der Ruhepause von 45 Minuten wäre eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden und 15 Minuten zulässig. In Branchen mit verkürzter Ruhezeit sogar 13 Stunden und 15 Minuten. Wer länger arbeitet, hat weniger Zeit und Kraft, sich ehrenamtlich zu engagieren, stellt die Studie fest.

Wollen wir eine Gesellschaft, die auf Zeitknappheit und stiller Erschöpfung ihrer Mitglieder basiert – oder eine, die Zeit für Sorge und Engagement als Voraussetzung lebendiger Demokratie begreift?

WSI-Arbeitszeitexpertin Dr. Yvonne Lott

Eine funktionierende Zivilgesellschaft braucht Menschen mit Zeit

Dr. Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI), Dr. Carolin Deuflhard, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Hanna Völkle, EAF Berlin (EAF), argumentieren, dass diese Deregulierung nicht nur ein arbeitsrechtliches, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem ist: 

Wer lange und schlecht planbar arbeitet, hat weniger Zeit für Ehrenamt, Vereinsarbeit und politisches Engagement. Eine funktionierende Zivilgesellschaft brauche Menschen mit Zeit dafür.

Die Forscherinnen werteten die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamts aus. Ergebnis: Von Menschen mit einer täglichen Erwerbsarbeitszeit bis zu 5,5 Stunden engagieren sich 14,4 Prozent ehrenamtlich, sozial oder politisch. Wer mehr als 8,5 Stunden täglich arbeitet, engagiert sich deutlich seltener.

Planbarkeit wichtiger als reine Arbeitszeit

Nicht nur die Länge des Arbeitstags spielt eine Rolle, sondern auch seine Planbarkeit: Wer regelmäßig nicht weiß, wann die Arbeit endet, kann feste Termine wie eine Vereinssitzung oder ein politisches Gremium schwerer einhalten. Hinzu kommt die Erschöpfung durch lange Tage ohne ausreichende Erholungszeit.

Dass hier grundsätzlich Luft nach oben ist, zeigt eine WSI-Untersuchung von April 2025: Nur ein gutes Drittel der Erwerbstätigen ist im selbst gewünschten Maß gesellschaftlich aktiv, unter erwerbstätigen Müttern sind es sogar nur rund 20 Prozent.

Trifft die Reform Frauen besonders hart?

Ja, sagen die Studienautorinnen. Frauen leisten bereits heute im Durchschnitt acht Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit pro Woche als Männer. Fällt der Achtstundentag faktisch weg, fehlt ihnen noch häufiger die Zeit für diese Sorgearbeit und die Doppelbelastung aus Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und gesellschaftlichem Engagement würde sich weiter verschärfen.

Bringt die Reform mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit?

Kaum. Das zeigt eine separate, repräsentative Mitgliederbefragung von ver.di: Nur gut jede fünfte befragte Person glaubt, die eigene Arbeitszeit ließe sich durch die Neuregelung selbstbestimmter einteilen. Sieben von zehn glauben das nicht. Am deutlichsten ist die Sorge um die eigene Gesundheit: 87 Prozent der Befragten befürchten größere gesundheitliche Nachteile, sollte der Achtstundentag ausgeweitet werden - zwei Drittel davon sogar uneingeschränkt.

Was fordern die Wissenschaftlerinnen?

Die Autorinnen plädieren dafür, den bestehenden gesetzlichen Rahmen zu erhalten oder sogar zu stärken - etwa durch ein Wahlarbeitszeitgesetz, wie es der Deutsche Juristinnenbund vorgeschlagen hat, oder ein Optionszeitenmodell mit zeitlichen Ziehungsrechten. Solche Ziehungsrechte sollen nach dem Vorschlag nicht nur für Kinderbetreuung und Pflege gelten, sondern ausdrücklich auch für ehrenamtliches Engagement.

Quelle

Pressemitteilung: Geplante Abschaffung der täglichen Obergrenze erschwert ehrenamtliches, politisches und soziales Engagement vom 23.09.2026 

Studie von Carolin Deuflhard, Yvonne Lott, Hanna Völkle: Keine Zeit für Demokratie? Warum Arbeitszeitpolitik auch Demokratiepolitik ist, WSI-Kommentar Nr. 10, September 2026.

Repräsentative Studie der Gewerkschaft ver.di zum Arbeitszeitgesetz.

Zum Hintergrund: Arbeitszeitgesetz vor großer Reform.

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