Studie

Rechte Arbeiterklasse? Warum der Mythos nicht stimmt

Rund ein Drittel der Arbeiter*innen wählte die AfD – ein Rechtsruck lässt sich daraus aber nicht ableiten, sagen die Wissenschaftler Tarik Abou-Chadi und Linus Westheuser. Mobilisiert sei vor allem der rechte Flügel der Arbeiterklasse, linke Positionen fänden zu wenig Gehör.

Die AfD geriert sich als Partei der Arbeiter*innen und hat damit Erfolg. Aber nicht so viel Erfolg, wie vielerorts suggeriert wird, betonen zwei Wissenschaftler: Sie treten der Erzählung einer von links nach rechts übergelaufenen Arbeiterschaft entschieden entgegen. Vielmehr fänden linke Positionen zu wenig Gehör, während der rechte Teil der Arbeiterschaft laut und motiviert sei.

Bei der letzten Bundestagswahl machte rund ein Drittel der Arbeiter*innen ihr Kreuz bei der AfD. Sie war damit erstmals stärkste Partei in diesem Segment. Schon zuvor häuften sich Medienberichte darüber, dass Rechtsextreme Gewerkschaften und Betriebsräte unterwandern würden und die AfD möglicherweise auf dem Weg zu einer „Alternative für Arbeiter“ sei. „Die Arbeiterklasse ist nicht rechts“, überschreiben indes zwei Wissenschaftler ihr Essay für das Schweizer „Republik Magazin“. Demnach sei in den Einstellungen und politischen Identitäten von Arbeiter*innen keine Rechtsverschiebung zu erkennen.

Rechter Flügel mobilisiert, linker Flügel demobilisiert

Ihrer Interpretation zufolge speist sich die relative Stärke der AfD vielmehr daraus, dass der rechte Flügel der Arbeiterklasse mobilisiert, während der nach links offene Teil demobilisiert wurde. Hier müssten linke Parteien ansetzen, statt erfolglos zu versuchen, Arbeiter durch konservativere Positionen „zurückholen“ zu wollen. Dass die öffentliche Wahrnehmung eine andere ist, führen die Autoren unter anderem auf stereotype Bilder von „der Arbeiterklasse“ zurück, die meist von weißen, heterosexuellen Männern, die in einer Fabrik oder Industrie arbeiten, dominiert würden. Das entspreche nicht der Realität. Grundsätzlich sei der „Mythos einer inhärent rechten Arbeiterklasse“ hinderlich, er solle abgeworfen werden.

Arbeiterklasse: Ein Begriff kehrt zurück

Überhaupt, „Arbeiterklasse“. Der Begriff habe lange antiquiert gewirkt, schreiben Tarik Abou-Chadi, Professor für Europäische Politik am Institut für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen der Universität Oxford, und der Soziologe Linus Westheuser, Leiter des Forschungsbereichs „Soziale und politische Konflikte“ am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft in Göttingen. Nun sei er zurückgekehrt, aber nicht mehr im Kontext linker und gewerkschaftlicher Mobilisierungen, sondern wenn über den Aufstieg „rechtsradikaler Parteien wie der AfD“, so die Autoren, gesprochen werde. Sie bezeichnen es als „politische Großerzählung“, dass linke Parteien sich durch ihre Politik von den sogenannten einfachen Leuten entfremdet hätten und die Arbeiterklasse zur AfD übergelaufen sei.

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Mehrheit wählte nicht AfD

Eine Erzählung, der die Wissenschaftler widersprechen. Nicht nur, dass die AfD Politik gegen die Interessen der Arbeitnehmer*innen mache. Die Ergebnisse der Bundestagswahl zeigten auch, dass die Mehrheit von ihnen nicht die AfD gewählt habe, von den Nichtwähler*innen einmal ganz abgesehen. Die AfD sei eben nicht die Partei der Arbeiter*innen, sondern der rechten Arbeiter*innen – und damit ist nicht rechtschaffen gemeint. Für linke Parteien sei hier nichts zu gewinnen: Die Arbeiter*innen, die heute AfD wählten, seien nur zu einem kleinen Teil ehemalige Sozialdemokraten.

Kein Rechtsruck in der Arbeiterschaft

Darüber hinaus zeigten die Daten keinen Rechtsruck in den Einstellungen der Arbeiterschaft. Diese sei äußerst heterogen, ein Drittel von ihr habe zum Beispiel beim Thema Migration progressivere Einstellungen als der Durchschnitt in Deutschland. Vielmehr habe es die AfD geschafft, einen bereits existierenden rechten Teil der Wählerschaft an sich zu binden – und ihm im öffentlichen Diskurs eine große Sichtbarkeit verschafft. 

Etwas plakativ schreiben die Autoren: „Die rechten Teile der Arbeiterklasse sind laut und motiviert, werden politisch angeheizt und bekommen Aufmerksamkeit.“ Die linken Arbeiter*innen dagegen blieben im Dunkeln, seien politisch desorientiert und würden demobilisiert. Ihnen fehle eine mächtige, öffentlich präsente Stimme, die solidarische Orientierungen bestärke und auch gegen Widerstände ins Feld ziehe.

Strategien für Sichtbarkeit linker Positionen

Parteien müssten wieder beginnen, in Betrieben und Nachbarschaften, aber auch in Chatgruppen und Onlinekanälen, dauerhafte Präsenz aufzubauen, lokale Initiativen zu unterstützen und Beschäftigten ohne akademische Bildung und Parteikarriere Zugang zu Wahlen und Ämtern zu ermöglichen.

Kritik am Essay: Wo bleiben die Daten?

Mit Spannung abzuwarten bleibt, mit welchen Daten die beiden Autoren ihre Thesen unterlegen werden. Ihr Essay ist zwar nach eigenen Angaben „auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse“ entstanden, doch enthält er wenig konkrete Zahlen. Die Daten sollen bald auch als kurzer Journal-Artikel erscheinen, kündigte Linus Westheuser in einem LinkedIn-Post an. Während einige dort den erfrischenden Perspektivwechsel der Ausführungen loben, kritisiert ein anderer, dass die Autoren aus plausiblen Beobachtungen weitreichende Schlussfolgerungen ziehen würden, die empirisch keineswegs so eindeutig seien, wie sie sie darstellten. Es ist ein Vorwurf, der mit aussagekräftigem Datenmaterial widerlegt werden könnte. 

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Quelle

Essay „Die Arbeiterklasse ist nicht rechts“ von Tarik Abou-Chadi und Linus Westheuser, Republik Magazin. 

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