Dossier

Elbkinder Hamburg: Betriebsrat gegen Rechtsextremismus

Mit Kinderreimen und AfD-Zitaten hat der Betriebsrat des Hamburger Kita-Trägers Elbkinder seine Belegschaft wachgerüttelt. Für das Projekt „Demokratie und Vielfalt“ erhielt das Gremium den Deutschen Betriebsrätepreis 2026 in Silber in der Kategorie große Gremien.

Die Halle ist voll, die Betriebsversammlung gut besucht. Zwischen den Ständen stehen Stellwände – auf den ersten Blick leer, aber ein Hinweis klebt darauf: Auf der Rückseite sei eine Plakataktion zu sehen, die irritieren, Fragen aufwerfen oder auch einschüchtern könne. „Es war so still dahinter, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören“, erinnert sich die Betriebsratsvorsitzende Marina Jachenholz. „Die Gesichter der Kolleginnen und Kollegen haben Bände gesprochen.“

Ene, mene, mu – und weg bist du? Kinderreime gegen rechte Parolen

Acht Plakatmotive umfasst die Kampagne des Betriebsrats der Elbkinder Hamburg. Sie zeigen Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Kita-Alltag: Erzieherinnen, Kinder oder Spielszenen. Darunter stehen bekannte Kinderverse und Zitate aus Wahlprogrammen der AfD. Etwa die Ankündigung millionenfacher Abschiebungen unter dem Bild dunkelhäutiger Erzieherinnen, kombiniert mit dem Abzählreim „Ene, mene, mu – und weg bist du?“.

Wie eine Debatte über Diskriminierung begann

Die Menschen auf den Bildern sind bewusst erkennbar KI-generiert, um die Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen oder Rückschlüsse auf echte Mitarbeitende zu ermöglichen. Die Zitate dagegen sind echt. Der Betriebsrat hat sie aus einer Zusammenstellung des „Katapult“-Magazins zu den Wahlprogrammen der AfD übernommen. Gerade dieser Kontrast trifft: die Sprache der Partei, gelesen neben dem, was in den 180 Einrichtungen der Elbkinder jeden Tag passiert. Und dann wird das Ganze intern der Belegschaft präsentiert – allerdings mit einer Triggerwarnung.

Wer die Plakate gesehen hatte, wollte reden: „Stimmt das denn wirklich? Wo kann ich das nachlesen?“ Solche Fragen hörten die Betriebsratsmitglieder, die die ganze Zeit neben den Stellwänden ansprechbar blieben. Eine Kollegin sagte Jachenholz: „Das ist ja Nazisprache. Man könnte ja meinen, dass Konzentrationslager eingerichtet werden sollen.“ Die Aktion habe auf eine „Riesenresonanz“ gestoßen, sagt die Vorsitzende. Viele Beschäftigte fühlten sich dadurch auch ermutigt, endlich offen über eigene Diskriminierungserfahrungen zu sprechen.

Rassismus und Homophobie: Warum der Betriebsrat handeln musste

Am Anfang der Aktion „Demokratie und Vielfalt“ stand kein großer Skandal, sondern das Beiläufige. „Das wird man doch mal sagen dürfen“ – solche Sätze fielen in Diskussionen unter Kolleginnen und Kollegen, manchmal auch auf Betriebsversammlungen. Als der Betriebsrat ankündigte, Pate der Initiative „Welcome Out“ für queere Sichtbarkeit am Arbeitsplatz zu werden, meldete sich jemand mit dem Einwand: „Haben wir keine anderen Sorgen?“

Dazu kamen Gespräche, die man „auch mal auf dem Klo mitgekriegt hat“, wie Marina Jachenholz sagt: platt und abwertend. Kollegen erzählten, dass sie sich nicht trauten, ihre Homosexualität offen anzusprechen; Kolleginnen mit Kopftuch wurden beschimpft. Das seien keine Gerüchte aus zweiter Hand gewesen, betont die Vorsitzende: „Wir sind direkt mit diesen Menschen in Kontakt gewesen.“ Auch der Umgang der Kinder untereinander erschreckte die Mitarbeitenden: abwertende, rassistische Kommentare, die im Gegensatz zur eigentlich gelebten Vielfalt bei den Elbkindern standen. Es musste etwas geschehen, so Jachenholz.

Haltung gegen die AfD

Dass gerade dieser Betriebsrat reagierte, ist kein Zufall. Das 35-köpfige Gremium versteht sich ausdrücklich als politisch; alle Mitglieder sind Gewerkschafter. Die Erkenntnis, dass auch in den eigenen Reihen der Gewerkschaften Menschen AfD wählen, traf die Vorsitzende hart: „Das erstaunt mich nicht nur, das macht mich fassungslos.“

Und auch deshalb stand vor den Bürgerschafts- und Bundestagswahlen fest: Der Betriebsrat will sich positionieren. „Wir wollen Menschen aufwecken“, sagt Jachenholz. Auch die sogenannten Protestwähler. Ihnen zeigen: „Wenn ihr Protest wählt, dann wählt ihr das.“

Aufrütteln statt ausgrenzen

Die Idee entstand 2024. Roland Schneider, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, machte sich an erste Entwürfe – und die waren, so Jachenholz, „ganz, ganz krass“. Sie waren mit Kinderstimmen unterlegt, die sie an die Freddy-Krueger-Filme erinnerten. Der Betriebsrat lehnte sie ab. „Wir wollen die Menschen mitnehmen, zum Denken mitnehmen“, sagt Jachenholz. „Und nicht verschrecken.“

Auch der zweite Entwurf löste eine wichtige Debatte aus. Eine muslimische Kollegin gab zu bedenken, ob das Motiv mit der Erzieherin mit Kopftuch nicht selbst stigmatisieren könne. Ob eine Muslima, die das Plakat unkommentiert sieht, den Zusammenhang verstünde? Oder sich vorgeführt fühlte? „Das war für uns natürlich eine superwichtige Rückmeldung“, sagt Jachenholz. Der Betriebsrat hielt Rücksprache mit Mitarbeiterinnen, „und dann haben wir uns getraut“.

Was die Kampagne im Betrieb verändert hat

„Schön wäre es, aber wir werden ja nicht erreichen, dass von den knapp 7.000 Beschäftigten keiner AfD wählt“, sagt Jachenholz. „Wir werden bei uns genau dieses Gesinnungsgut auch haben, wie es in Gesamtdeutschland lebendig ist.“ Das Ziel sei aber ein anderes: dass im Betrieb keine abwertenden Bemerkungen mehr fallen – über Familienkonstellationen, über sexuelle Orientierung, über Herkunft. Dass niemand mehr auf einer Betriebsversammlung fragt, ob man keine anderen Sorgen habe.

Dass solche Gespräche dann vielleicht nur noch draußen beim Rauchen geführt werden, „wenn keiner zuhört“, sei „genauso schlimm“, räumt sie ein. Aber die Botschaft ist angekommen: „Die Haltung des Betriebsrates ist ganz eindeutig. Hier ist kein Platz, und wir werden das in keinem Fall akzeptieren und tolerieren.“ Wer etwas aufschnappe, müsse damit rechnen, dass der Betriebsrat „richtig dagegen vorgeht“. Das Klima, so ihr Eindruck, sei dadurch eindeutiger geworden.
 

Neutralitätspflicht des Betriebsrats

Die Elbkinder gehen offensiv mit der Neutralitätspflicht des Betriebsrats um. Als Interessenvertretung sei man zur Überparteilichkeit verpflichtet, und die AfD gelte, trotz der Einstufung als gesichert rechtsextremistisch, formal als demokratische Partei. Entscheidend sei, die Menschen mit den Inhalten des Parteiprogramms zu konfrontieren: Was wollen diese Leute verändern, wenn man sie wählt? Welche Aussagen stecken dahinter? „Dass wir da immer wieder drauf hinweisen – das ist es.“

Dass sich Gegenwind auf einzelne Köpfe konzentrieren könnte, ist Jachenholz bewusst. Sie ist das Gesicht des Betriebsrats nach außen, auch politisch aktiv und rechnet mit Anfeindungen: „Das ist eine Frage der Zeit.“ Einschüchtern lässt sie sich davon nicht.

Wir sind laut und werden laut bleiben

Dieser Betriebsrat zeigt, dass Demokratie im Betrieb nicht erst bei der nächsten Wahl verteidigt wird, sondern in der Mittagspause, auf der Betriebsversammlung, auf dem Flur. Oder, wie es Marina Jachenholz sagt: „Wir sind laut und werden laut bleiben. Wir sind politisch und stehen zu unserer Haltung.“

Autorin des Artikels

Bettina Wolf Autorenbild

Bettina Wolf

Bettina Wolf ist seit September 2026 Teil des AIB-Teams. Als langjährige Print- und Online-Redakteurin für Magazine, Tageszeitungen und News-Portale hat sich die auf Familienthemen spezialisierte Journalistin schon früh mit Arbeitswelt und Mitbestimmung befasst – unter anderem als Betriebsrätin, wo sie die Themen der AIB aus erster Hand in der Praxis kennengelernt hat. Nach Stationen in Neuseeland, New York und Weinheim lebt sie heute wieder in Heidelberg. Wenn sie nicht gerade schreibt oder recherchiert, ist die zweifache Mutter und begeisterte Gen-Z-Kennerin auch als Vormund für unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche im Rhein-Neckar-Kreis im Einsatz.

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