Was ist die Alternative?
Tim Ackermann: Es geht darum, die anzusprechen und zu stärken, die ein demokratisches Bewusstsein haben, die sich dem Rechtsruck vielleicht sogar widersetzen. Außerdem darf man dem von den Unternehmensleitungen ausgeübten Kostendruck nicht nachgeben und muss seine Rechte wahrnehmen. Das ist gerade in der Weiterbildung zentral. Es gibt Freistellungsmöglichkeiten, damit Betriebsräte und Betriebsrätinnen über arbeitgeberfinanzierte Seminare lernen können, was sie brauchen, um den Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit im Betrieb bearbeiten zu können. Wir sind die Einzigen, die über betriebs- und tarifpolitische Auseinandersetzungen reale Verbesserungen für die Beschäftigten durchsetzen und so Abstiegsängste, und Gefühle von Ohnmacht und Kontrollverlust mindern können.
Und da sind wir beim nächsten Punkt. Vielleicht ist das ein Strohhalm, aber man muss halt nach dem greifen, was da ist. Wir haben gerade eine extrem konfliktive Situation in vielen Betrieben. Und diese Konflikte muss man führen, am besten unter Einbeziehung und Beteiligung möglichst vieler Kolleginnen und Kollegen.
Wie geht man mit den anderen um, also denen mit den Ressentiments gegen Migranten oder Betriebsrätinnen?
Tim Ackermann: Hans-Jürgen Urban hat dafür mal eine Politik von „klarer Kante“ und „offener Tür“ vorgeschlagen. Klare Kante steht für eine Konfrontationsstrategie gegenüber denjenigen, die rechte Erzählungen in den Betrieb tragen, „offene Tür“ für ein offensives Angebot zur Teilnahme an betrieblichen Gegenbewegungen. Wir müssen die Verunsicherung und Wut der dafür Ansprechbaren aufgreifen und im Sinne der innerbetrieblichen Solidarität kanalisieren. Das heißt, Betriebsräte mobilisieren und unterstützen gezielt die Beschäftigten, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der Belegschaft in den Transformationen verbessern wollen und dafür gegebenenfalls auch in die Auseinandersetzung gehen.
Das birgt die Gefahr, die Spaltung im Betrieb zu verschärfen und – zumindest in den Augen der Gegenseite – das Neutralitätsgebot zu übergehen. Wie findet man die Balance zwischen klarer Kante und Aufgeschlossenheit für den Austausch mit Andersdenkenden?
Tim Ackermann: Es gibt kein Neutralitätsgebot. Natürlich müssen Betriebsräte und Betriebsrätinnen im Rahmen ihres Mandats parteipolitisch neutral sein. Aber in Bezug auf den Einsatz für Demokratie und Menschenwürde, im Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung, ist das Gegenteil der Fall.
Dieser Einsatz ist sogar gesetzlich vorgeschrieben. Zu den „Allgemeinen Aufgaben“ eines Betriebsrats gehören nach § 80 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG „Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Betrieb“. Und zu den Gesetzen nach § 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG gehört natürlich das Grundgesetz mit seiner Achtung der Menschenwürde.
Auch Gewerkschaften können ja gar nicht politisch neutral sein. Die Einführung des Acht-Stunden-Tages oder der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen, das Betriebsverfassungsgesetz selbst: Das sind ja alles Themen, die politisch diskutiert und gesetzlich geregelt werden. Soll man sich als Gewerkschaft, also als Interessenvertretung abhängig Beschäftigter, da raushalten? Das wäre verrückt.
Was sind aktuell Deine drei wichtigsten Botschaften an Betriebsräte?
Tim Ackermann: Erstens: Nutzt die bestehenden betriebsverfassungsrechtlichen und die zum Beispiel über das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) gegebenen Möglichkeiten und geht – am besten zusammen mit dem Arbeitgeber – gegen Hetze und Diskriminierung im Betrieb vor. Wir dürfen Kolleginnen und Kollegen mit Diskriminierungserfahrungen nicht allein lassen, wir müssen sie stärken und verteidigen!
Zweitens: Geht die bestehenden Konflikte an und führt sie unter der größtmöglichen Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen schauen, dass wir in den derzeitigen gesellschaftlichen und betrieblichen Verteilungskämpfen das Bestmögliche für Beschäftigte herausholen.
Was wäre drittens?
Tim Ackermann: Drittens redet mit Euren Kolleginnen und Kollegen, bleibt mit ihnen in Kontakt, seid nahbar! Betriebsratsarbeit besteht – gerade in Transformationszeiten – in hohem Maß aus Sitzungen, Gremienarbeit, Verhandlungen. Das ist wichtig, aber auch sehr technisch und gleichzeitig wahnsinnig zeit- und energieaufwändig! Betriebsratsarbeit ist immer auch Beziehungsarbeit. Wann immer Zeit ist, geht durch die Hallen und Büros, redet mit den Kolleginnen und Kollegen, erklärt ihnen, was ihr warum macht, legt Eure Probleme offen. Und – ganz wichtig – hört Euch an, was sie zu sagen haben!