Arbeitsplatzorganisation

„Mit Desksharing lässt sich Geld verdienen"

Das Verlagshaus VRM hat den Trend zum geteilten Schreibtisch genutzt, um freigewordene Flächen zu vermieten. Das zahlt sich aus, denn zu Hause zahlen die Beschäftigten Strom und Ausstattung selbst.

Die Betriebsvereinbarung zur mobilen Arbeit der VRM hielt nur acht Monate. Viele Beschäftigte des hessischen Verlagshauses – quer durch die Abteilungen – waren mit der Regelung unzufrieden. Sie schrieben einen offenen Brief an den Betriebsrat. Tenor: Lasst uns öfter zu Hause arbeiten! Ende 2021 hatten sich Betriebsrat und Geschäftsleitung darauf verständigt, dass die Beschäftigten über einen Zeitraum von vier Wochen wöchentlich 2,5 Tage mobil arbeiten durften. Ein wenig tragfähiges Konzept, wie sich nun zeigte. 

Die Betriebsvereinbarung wurde geändert. Seit August 2022 gilt  lediglich, dass 100 Prozent mobile Arbeit nicht möglich sind. 

Die VRM gibt Regionalzeitungen wie die Allgemeine Zeitung in Mainz, den Wiesbadener Kurier und das Darmstädter Echo heraus. In der Corona-Pandemie waren die Bürobeschäftigten mit Laptop, Maus und Tastatur notgedrungen an den heimischen Schreibtisch gewechselt. Viele lernten die Arbeit außerhalb des Büros schätzen und pendelten auch nach der Pandemie nicht jeden Werktag ins Büro. Die Folge: Viele Schreibtische im Betrieb blieben leer. 

Es war die Zeit, in der Desksharing populär wurde. Die Unternehmen sahen darin eine Chance, ungenutzte Flächen loszuwerden. Auch die VRM. Kurz vor Einführung der geteilten Schreibtische inklusive Betriebsvereinbarung im Juli 2023 gab die Führung das Ziel vor, jede Abteilung habe 30 Prozent der Arbeitsplätze einzusparen. Arbeitsplätze, nicht Personal. 

Mobile Arbeit für fast alle

Seither vermietet das Unternehmen Flächen an Fremdfirmen. „Mit Desksharing verdient die Firma Geld“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Andreas Kunert-Werneburg. Allerdings auf Kosten der Beschäftigten. Denn den Strom zu Hause, eventuell ein Klimagerät, Sonnenrollos und ergonomisches Mobiliar zahlen die mobil Arbeitenden selbst. Nur Laptop, Maus, Monitor und Tastatur stellt die Firma. 

Insofern ist es auch im Betriebsinteresse, wenn die Beschäfigten den Arbeitsort relativ frei wählen können. „Sofern mobile Arbeit von den Aufgaben her möglich ist, stimmt jeder Kollege und jede Kollegin individuell mit der Führungskraft die Präsenzzeiten ab“, sagt Kunert-Werneburg. Das funktioniere bei einigen Teams richtig gut. Manche vereinbaren einen Präsenztag pro Woche, andere treffen sich häufiger. Seien die Arbeitsergebnisse in Ordnung, hätten auch die Führungskräfte nichts dagegen einzuwenden.

Möglich ist mobiles Arbeiten für fast alle der rund 700 Beschäftigten – von der Redaktion über die IT, Verlag und Vertrieb bis hin zu Personal und Buchhaltung. Ausgenommen sind lediglich die Poststelle und das Gebäudemanagement; auch in den Lokalredaktionen gibt es wechselnde Anwesenheitspflicht. Für den Konzern, die VRM Holding, zu der beispielsweise die Druckerei gehört, gilt die Betriebsvereinbarung nicht. 

Die einzige Bedingung ist die doppelte Freiwilligkeit. Wer nicht möchte, kann nicht dazu verdonnert werden. Aber auch der Arbeitgeber muss das Arbeiten außerhalb des Büros nicht gewähren. 

Betriebsrat vermisst das persönliche Gespräch

Der Drang der Belegschaft, zu Hause zu arbeiten, ist groß. So groß, dass es nach Kenntnis des Betriebsrats bislang nicht zu Andrang oder Engpässen in den Büros gekommen ist. Sollte jemand tatsächlich etwa in der Mainzer Lokalredaktion keinen Platz an einem der vorhandenen Schreibtische finden, bucht er sich einen im sogenannten „VreiRauM“ in der Zentrale oder arbeitet mobil. „Zurzeit kann man sich noch aussuchen, ob man im Team zu viert ein Büro belegt oder sich lieber in ein Einzelbüro zurückzieht“, erklärt Andreas Kunert-Werneburg. Das bleibt vermutlich nicht so. Denn eine weitere Etage mit rund 60 Schreibtischen wird 2027 vermietet.

Andreas Kunert-Werneburg arbeitet fünf Tage pro Woche im Büro, sofern er nicht unterwegs ist. „Als Betriebsrat muss ich vor Ort sein und mit den Menschen reden.“ Dass das viele Homeoffice den Kolleg*innen und dem Unternehmen guttut, bezweifelt er. Die Bindung gehe verloren, der Zusammenhalt unter den Kollegen und Kolleginnen werde schwächer. „Zwischenmenschliche Themen spielen eine geringere Rolle als früher. Heute kommen die Beschäftigten ins Büro, um gemeinsame Projekte zu besprechen.“ Einige Abteilungen wünschen sich ebenfalls mehr Büropräsenz. Nicht weil die Produktivität leide, sondern die Kommunikation.

Kommunikation, Austausch, auch für Betriebsräte sind sie unverzichtbar. Wie geht es der Belegschaft? Das kann Andreas Kunert-Werneburg schwer einschätzen. „Von Problemen berichten mir fast ausschließlich die Kolleg*innen, die häufig ins Büro kommen. Andere treffe ich nur selten. Und manch einer verließ die Firma in der Probezeit, den hatte ich noch nie gesehen.“ 

Zum Vertiefen: 

-  Wie Desksharing beim Münchner Großunternehmens Giesecke+Devrient funktioniert und was der Betriebsrat davon hält. 

- Was antwortet ein Experte auf die mit Desksharing verknüpften Frage, welche Schutzpflichten Arbeitgeber im Homeoffice beachten müssen?

Autorin des Artikels

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Michaela Böhm

Michaela Böhm recherchiert seit mehr als 30 Jahren als freie Print- und Hörfunkjournalistin über Löhne, Arbeitszeit, Tarifrunden, Betriebsratswahlen oder Gesundheitsschutz. Alles rund um Arbeit und betriebliche Mitbestimmung – am liebsten vor Ort in den Betrieben.

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