Studie

Mindestlohn steigt, Vertrauen in Demokratie sinkt

Das schwindende Vertrauen in demokratische Institutionen wird häufig mit einer wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit begründet. So einfach ist es nicht, zeigt eine neue Studie. Trotz Einkommenszuwächsen von fast 20 Prozent im Niedriglohnsektor ist das Vertrauen dieser Menschen nicht gewachsen, sondern gesunken.

Die Anhebung des Mindestlohns von unter 8,84 Euro im Jahr 2018 auf 12,41 Euro im Jahr 2024 brachte vielen Geringverdiener*innen deutliche Lohnzuwächse. Wissenschaftler der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) setzten diese in Beziehung zum Vertrauen der Menschen in demokratische Institutionen. Datenbasis ist das IAB-Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS), das regelmäßig Einstellungen zu politischen Parteien, der Bundesregierung, dem Bundesverfassungsgericht und der Polizei abfragt. 

Mehr Lohn, kein Mehr an Vertrauen – was die Studie zeig

Die Forscher unterschieden drei Gruppen von Befragten hinsichtlich ihres Verdienstes im Jahr 2019: weniger als 12 Euro, zwischen 12 und 16 Euro sowie mehr als 16 Euro. Den stärksten Lohnzuwachs verzeichnete die erste Gruppe mit einem Plus von 18 Prozent im Jahr 2023. Insgesamt nahm die Lohnungleichheit zwischen den Gruppen also ab. Trotzdem sank das Vertrauen in demokratische Institutionen im gleichen Zeitraum in allen drei Gruppen und folglich auch bei den Menschen, deren Löhne aufgrund der Anhebung des Mindestlohns besonders stark gestiegen waren.

Mit der Gesamtsituation unzufrieden?

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich wirtschaftliche Verbesserungen nicht automatisch in einem stärkeren Vertrauen in demokratische Institutionen niederschlagen“, sagt Alexander Patzina vom Lehrstuhl für Soziologie der Uni Bamberg. Für das Vertrauen scheine nicht allein entscheidend zu sein, wie sich die eigene wirtschaftliche Situation entwickelt: „Auch der gesellschaftliche Kontext und die Wahrnehmung politischer Entwicklungen spielen eine wichtige Rolle.“


Politische Maßnahmen zur Verringerung der Lohnungleichheit allein scheinen demnach offenbar nicht auszureichen, um das Vertrauen in demokratische Institutionen (wieder) zu stärken. Aber da war schließlich noch etwas: die Corona-Pandemie. Es ist gut möglich, dass die dadurch verursachte Verunsicherung die positiven Effekte wirtschaftlicher Verbesserungen überlagert haben könnte, betonen die Forscher. Ebenso ist es denkbar, dass das Vertrauen in die Institutionen ohne die Mindestlohnerhöhungen noch stärker gesunken wäre.

Jobsicherheit und Fairness statt nur Lohnhöhe

Fest steht, dass das Vertrauen nicht allein von der eigenen finanziellen Situation abhängt, sondern auch von anderen Faktoren beeinflusst wird. Andere Forschungsergebnisse lassen den Studienautoren zufolge vermuten, dass dazu der Erhalt der Erwerbsarbeit, eine transparente Kommunikation und wahrgenommene Fairness zählt. 

Man kennt das aus dem Alltag: Die Freude über eine Gehaltserhöhung ist schnell dahin, wenn man erfährt, dass die Lohnsteigerung des Kollegen oder der Kollegin trotz gleicher Arbeit noch höher ausgefallen ist. 

Autor des Artikels

Autorenbild David Schahinian

David Schahinian

Der freie Journalist David Schahinian arbeitet seit 2010 für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Er berichtet vorwiegend über Technik- und Personalthemen sowie über Betriebsratsarbeit und Arbeitsrecht.

Quelle

Studie „Wages and institutional trust between 2019 and 2023” der Universität Bamberg. Eine deutsche Zusammenfassung ist hier abrufbar.

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